Bayern 2 - Zündfunk


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Stratocaster, Claps und Autotune Diese Sounds haben die Popmusik geprägt

Es gibt Sounds, die eine ganze Ära definieren. Techno wäre ohne den Klang einer 808-Drummachine nicht denkbar und heutige HipHop-Stars sähen ohne Autotune-Effekt ganz schön alt aus. Sechs Klänge, die Popgeschichte geschrieben haben.

Von: Florian Fricke

Stand: 05.01.2018

Natürlich haben wir alle eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie Techno klingt oder wie sich HipHop anhört. Aber aus welchen einzelnen Klangbausteinen setzen sich diese spezifischen Sounds zusammen? Der Musikwissenschaftler Immanuel Brockhaus hat für seine Arbeit nicht weniger als 2.200 Songs der US-amerikanischen Billboard Single-Charts von 1960 bis 2014 ausgewertet, um das herauszufinden. Er macht verschiedene Kultsounds aus, die über die Jahre die Popmusik entscheidend geprägt haben. Wir stellen die wichtigsten vor:

1. Der Falsett-Gesang

In fast 500 der 2.200 untersuchten Songs kommt Falsettgesang vor. Die Tradition des Falsettgesangs reicht bis in die 40er Jahre hinein. Er hat die Männlichkeit der Sänger aufgebrochen, das Androgyne hielt Einzug in den Pop und bestimmte viele Künstlerpersönlichkeiten von David Bowie über Jimmy Sommerville bis Anohni. Oder ganz aktuell beim englischen Erfolgs-Crooner Sam Smith.

2. Die Stratocaster-Gitarre

Gitarrengötter wie Jimi Hendrix und Eric Clapton haben die Stratocaster bekannt gemacht. Bei der Analyse der Billboard Charts fällt aber auf, dass ihre meiste Verwendung auf die 80er Jahre fällt, wo sie im Soul, Funk, im Synthiepop und im New Jack Swing eingesetzt wird, der sich explizit auf den klassischen Soul bezieht. Der herausragende Interpret dieses Start-Spiels ist Nile Rodgers.

3. Der Clap-Sound

Das Klatschen ist das wahrscheinlich älteste Musikinstrument des Menschen. Jedes Mitklatschen in einem Konzert führt uns zurück in unsere rhythmischen Ur-Muster. Aber bitte nicht auf den Zählzeiten eins und drei wie es im deutschen Fernsehen gerne passiert, das hat was von einem Marsch. Im Pop klatscht man auf die zwei und die vier, den sogenannten Backbeat, da wo die Snare liegt. Es gibt die ikonischen Clap-Sounds der Roland Drumcomputer TR 808 und 909, die den Sound von HipHop, House und Techno maßgeblich beeinflusst haben. Heute kann man auch eine Rückkehr zum im wahrsten Sinne des Wortes handgemachten Clap-Sound feststellen wie zum Beispiel in "Happy" von Pharell Williams, wo einige dieser analogen Claps übereinander gelegt wurden.

4. Das Orchestra Hit-Sample

Legt man den Clap als simpelsten denkbaren Sound an ein Ende der Skala der menschgemachten Klänge, dann liegt an deren anderen Ende ein großes Orchester. Das Orchestra Hit-Sample geht zurück auf den legendären Fairlight CMI, einer Sampling Workstation, die 1979 auf den Markt kam. Rund 780 gesampelte Sounds fasste die für damalige Verhältnisse pompös ausgestattete Klangbibliothek. Und zwischen zerbrechendem Glas und Autounfällen fand sich auch der Orchestra Hit – ein gesampelter Orchesterschlag, in diesem Fall von Strawinskys Feuervogel. Dass man sich ein ganzes Orchester auf eine Keyboardtaste legen konnte, war für viele Produzenten anscheinend ein unwiderstehlicher Spaß. Trevor Horn hat sich zum Beispiel 1983 bei Yes ausgetobt, als er das Sounddesign der legendären Prog-Rocker radikal änderte.

5. Der Scratch-Sound

Das Scratching ist eigentlich eine uralte Erfindung. Schon William S. Burroughs scratchte mit Bandmaschinen, das nennt man allerdings Scrubbing. Populär wurde das Scratching mit dem Aufkommen von HipHop. In den Mainstream gelangte der Effekt das erste Mal 1983 über Herbie Hankock und seinen untypischen Hit „Rockit“. “Rockit” entfachte einen DJ-Boom. Aber es dauerte bis in die späteren 80er bis DJs in Bands integriert wurden.

6. Der Autotune-Effekt

Kaum ein Effekt hat die Nuller Jahre so stark beeinflusst wie der Autotune-Effekt. Und wie so oft entstand er durch einen Unfall, beziehungsweise die „falsche“ Benutzung eines Effekts. Denn das Plugin Autotune der Firma Antares ist eigentlich ein Werkzeug, um unsaubere Gesangslinien in der Tonhöhe zu korrigieren. Cher setzt diesen Effekt in „Believe“ mit brachialen Einstellungen ein, ihre Stimme scheint in ihrem eigenen Register hin und her zu springen. Sie wirkt künstlich und transhuman. Der Autotune-Effekt wurde zu seiner eigenen Marke und jeder wollte auf den Zug aufspringen. So setzte ein Nivellierungseffekt ein, alle klangen irgendwann gleich. Ende der Nuller Jahre hatte er sich im Bereich HipHop und R’n’B so sehr abgenutzt, dass sein Ende nahe schien. Dann wurde EDM als die Effektmusik schlechthin zum Auffangbecken für diesen eigentlich schon abgehalfterten Sound.

Immanuel Brockhaus: „Kultsounds: Die prägendsten Klänge der Popmusik 1960-2014“ ist 2017 im transcript Verlag erschienen.


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