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300 Seiten persönliche Daten Was Spotify über uns weiß - und wie das die Popmusik verändert

Streamingdienste wie Spotify sammeln so viele Daten über ihre Nutzer wie möglich – und werben ganz offen damit. Gregor Schmalzried hat sich die gesammelten Daten zu seinem Account schicken lassen, gut 300 Seiten, und sich selbst analysiert - mit erstaunlichem Ergebnis.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 20.12.2017

Spotify Werbemittel | Bild: Spotify

Lange bevor Facebook angefangen hat, jeden Aspekt unseres Lebens auszukundschaften, um uns in einer Werbeanzeige genau die Game of Thrones-Fanartikel anzubieten, von denen es glaubt, dass wir sie gerade brauchen, entwarf Steven Spielbergs "Minority Report" eine Welt, in der Werbeplakate den Konsumenten persönlich ansprechen. Genau das ist seit einiger Zeit Realität.

Spotify-Werbung für eine Playlist

Der Unterschied bei den Aktionen von Spotify und Netflix ist, dass unsere Streamingdienste uns mit solchen Aktionen anders als in "Minority Report" nicht einmal direkt etwas verkaufen wollen. Es scheint eher, als wollten sie einfach an ihre Existenz erinnern, und natürlich daran, wie gut sie uns kennen. Sie wollen unsere Freunde werden und dementsprechend genau über uns Bescheid wissen. Aber was ist es genau, was Spotify über mich weiß?

Der Spotify-Code

Als EU-Bürger habe ich das Recht, alle personenbezogenen Daten einzusehen, die ein Unternehmen über mich gespeichert hat. Ich melde mich also beim Spotify-Support und drei Wochen später landen 332 Seiten in meinem Postfach, das alle 31.167 Songs auflistet, die ich je auf Spotify gehört habe. Von Radioheads "No Surprises" - mein erstes Mal im November 2012 - bis zum Rap-Song "Vorurteile" von Fatoni vor einigen Wochen – immerhin habe ich mich weiter entwickelt. Aber Musiktitel und Zeitpunkt sind nicht alles, was gespeichert wird.

Wie bei jedem Streaming-Service ist ein wesentlicher Teil von Spotifys Geschäftsmodell das personalisierte Erlebnis, das mir jede Woche neu in Form von Playlisten, die auf Basis meines Geschmacks generiert wurden, aufs Smartphone geschaufelt wird. Deshalb loggt der Dienst für jeden Track, den ich höre, unter anderem folgende Daten:

  • Online- oder Offlinestatus
  • Ob der Song bis zum Ende gehört wurde oder nicht
  • Shuffle an/aus
  • Play Context (d.h. ob ich den Song über die Artist- oder Album-Seite oder in einer Playlist höre)

Dazu kommt das, was ohnehin jede zweite Website über mich behält:

  • IP-Adresse/Standort
  • Produkt (Spotify Free/Premium)
  • Betriebssystem und Gerät

Fünfsekundenschlaf

Als Erstes lerne ich etwas über mich selbst: Die Expedition in die Untiefen meines Musikkonsums zeigt, dass ich nach "No Suprises" noch 1.776 weitere Radiohead-Songs gehört habe. Allein die letzte große Single "Burn the Witch" schafft es auf 75 Plays – das ist etwa doppelt so viel wie Kanye Wests gesamte Diskographie mit nur 37 Plays. Außerdem höre ich manche Künstlerin wie Agnes Obel besonders gerne nachts, während ich morgens eine sehr hohe Skip-Rate habe. Ich, wie ich gelangweilt in der U-Bahn stehe und von einem Songs zum nächsten skippe – leuchtet mir ein.

Genauso logisch: Dass ich nicht der einzige bin, der so oft Songs überspringt. Software-Entwickler Paul Lamere hat auf seinem Blog das Verhalten von Spotify-Nutzern analysiert und festgestellt, dass ein Viertel aller gespielten Titel noch in den ersten fünf Sekunden abgebrochen werden.

Für Musikproduzenten kann eine solche Information überlebensnotwenig sein. Denn die sogenannten „Quick Skips“ sind auch der Grund dafür, warum moderne Popmusik so schnell zur Sache kommt. Wie etwa der Nummer 1-Song der Billboard Hot 100 letztes Jahr: "Love Yourself" von Justin Bieber.

Justin Biebers Song kommt ganz ohne Intro aus – der erste Laut ist seine Stimme. Zwanzig Jahre zuvor begann die Nummer 1-Single des Jahres mit 15 Sekunden Mundharmonika.

Eine solche Einleitung würde im Jahr 2017 wohl gnadenlos zusammengekürzt werden, kein Mensch hat heute Zeit für 15 Sekunden ohne eingängige Hook. Der Finger schwebt immer drohend über dem nächsten Track und damit auch über dem Produzentensessel im Studio.

Ein Forscher der Ohio State University hat unlängst herausgefunden, dass das durchschnittliche Pop-Intro in den letzten 20 Jahren auf ein Viertel seiner damaligen Länge geschrumpft ist. Und dank der zahlreichen Skips in meiner Datenbank weiß ich jetzt, dass ich es zu Grabe getragen habe. Ich, und alle anderen, die so Musik hören wie ich.

Ich bin der Totengräber des Langspielers

Und je tiefer ich im meinen Daten wühle, desto möglicher scheint mir, dass die Musikwelt bald nicht nur das Intro abschaffen muss: Auch das Musikalbum hat es schwer. Von den 31.167 Tracks, die ich gehört habe, habe ich 19.264 via Playlists oder Suche angewählt – Formate, in denen der Song komplett isoliert von anderen Werken des Künstlers steht.

Manche Pop-Künstler verzichten mittlerweile fast komplett auf das Albumformat. One Republic oder The Chainsmokers setzen stattdessen vor allem auf regelmäßig erscheinende Singles, mit denen sie dann immer wieder auf den wichtigsten Playlists auf Spotify, Apple Music und Deezer landen. Die britische Sängerin Anne-Marie schaffte es auf diese Weise mit nur einem Hit auf über 100 Millionen Streams. Ihr Song "Ciao Adios" braucht natürlich nur drei Sekunden, bis zum ersten Mal ihre Stimme zu hören ist. Und dann wäre da noch Drake, der sein Mixtape "More Life" einfach gleich als Playlist bezeichnet hat.

Schwimm gegen den Stream

Spotify verändert, wie Musik gemacht wird und auch, wie wir sie entdecken. Denn auch wenn es toll ist, genau zugeschnittene Musik zu bekommen, bleibt ein Problem: Der Algorithmus bietet genau das, was Thom Yorke sich wünschte: „No surprises“. Die Daten, die über meinen Musikgeschmack gesammelt werden, sind so umfassend genau – wenn man einmal, so wie ich, in einer Indiepop-Ecke gelandet ist, ist es fast unmöglich wieder herauszukommen. Ich nehme mir vor, das nächste Mal in der U-Bahn einfach einmal ein Album durchzuhören, das ich noch gar nicht kenne. Ganz ohne zu skippen. Wenn es mir gelingt, den Algorithmus genug zu verwirren, landet dann vielleicht auch mal ein bisschen Free Jazz oder finnischer Death Metal in meiner Playlist. Auch das würde mich irgendwie freuen. Und, liebes Spotify, das ist gar nicht böse gemeint. Wenn du wirklich mein Freund sein willst, ist es am besten, wenn du mich nicht zu gut kennst. 


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