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Hier anhören: Black & proud & missverstanden Warum James Brown bis heute missverstanden ist

Wenn es um James Brown geht, kennt der afroamerikanische Autor James McBride keine Angst vor Superlativen: „Die wohl am meisten missverstandene und falsch dargestellte afroamerikanische Persönlichkeit der letzten dreihundert Jahre“, sei der Mann, den sie den Godfather Of Soul nennen. Aber wieso? Eine musikalische Spurensuche.

Von: Klaus Walter

Stand: 10.11.2017

Godfather Of Soul, Hardest Working Man in Showbiz, Mr.Dynamite. Kaum ein Popstar trägt so viele Ehrennamen wie der 2006 verstorbene James Brown. Für James McBride ist er „die wohl am meisten missverstandene und falsch dargestellte afroamerikanische Persönlichkeit der letzten dreihundert Jahre.“ Um das zu ändern hat McBride, preisgekrönter afroamerikanischer Autor, 1957 in Brooklyn geboren, eine Biografie über den Jahrhundertmusiker geschrieben: „Black and proud – auf der Suche nach James Brown und der Seele Amerikas.“ Der Autor spricht mit Wegbegleitern, Verwandten, Musikern, Ex-Frauen, vor allem im rückständigen Süden der USA.

„James Brown ist schwer zu erklären“, sagt McBride im Interview. „Es gibt niemanden, der afroamerikanisches Leben mehr symbolisiert als er. Er repräsentierte unsere Freiheit, er war unser geliebter Onkel, der an Weihnachten vorbeikam, seine Vorderzähne rausnahm und sich besoffen hat. Und der ganzen Familie peinlich war. Aber man wusste, er liebt uns und wir liebten ihn. Er war für Afroamerikaner nicht nur ein Star, er gehörte zur Familie.“ Dabei wächst Brown selbst ohne Familie auf, in den Dreißiger Jahren im tiefen Süden, bitterarm, im Zeichen der Rassentrennung. Die Schule kennt er nur von außen, er schlägt sich als Boxer durch, mit sechzehn landet er im Knast, wegen Raubes. Seine Rettung ist die Musik. Für den ungebildeten Landjungen ist sie ein Vehikel der Selbstermächtigung, "Soul Power" heißt einer seiner größten Songs. Wie der Self Made Man aus dem Bilderbuch des Black Capitalism zieht sich Brown selbst aus dem Dreck.

„Er hatte eine enorme Bedeutung für die Bürgerrechtsbewegung“

Der Hardest Working Man arbeitet hart und verlangt das auch von seinen Musikern. Seine Band führt er wie ein Despot. Geld regelt die Disziplin: 50 Dollar Strafe für ungeputzte Schuhe, falsche Garderobe und zu spät kommen. „Weiße haben ihn nie verstanden“, sagt McBride. „Für sie war er einfach jemand, der gesungen und getanzt hat. Sie haben nicht gesehen, wie kompliziert sein Leben war und wie schwer er sich damit tat.“ Vielen liberalen Weißen gibt James Brown Rätsel auf. “Say it loud, I´m black I´m proud”, singt er 1968, die Hymne auf den schwarzen Stolz, die Blaupause afroamerikanischer Emanzipation, deren Attitüde sich Generationen von RapperInnen zu eigen machen, von ihrem Funk ganz zu schweigen. Aber ist Brown deshalb ein Schwarzer Aktivist in den turbulenten Tagen der Riots? „Er hatte eine enorme Bedeutung für die Bürgerrechtsbewegung“, sagt McBride. „Als Martin Luther King ermordet wurde, sollte James Brown ein Konzert in Boston geben. Die Veranstalter wollten es absagen, weil sie Angst hatten, aber James Brown war dagegen. Nicht nur, dass er das Konzert nicht abgesagt hat, es wurde sogar live im Fernsehen übertragen, eine gute Idee, ansonsten hätte Boston gebrannt.“

Ausgerechnet der Schöpfer von „Black and Proud“ beruhigt seine schwarzen Landsleute und verhindert gewaltsame Aufstände? Einer von vielen Widersprüchen einer widersprüchlichen Figur, die McBride ohne falsche Rücksichten offenlegt. Er wolle „gegen den Strich schreiben, gegen den liberalen Konsens des Nordens“, verkündet der Autor. Das gelingt ihm ohne allzu aufdringliches Kokettieren mit Anti P.C.-Gratismut. Neben den Schatten der Sklaverei kommen auch die Gräben zwischen Nord und Süd immer wieder zur Sprache. „Die Leute aus dem Süden haben ihren Stolz, man will sich nicht anmerken lassen, dass man verletzt ist, – das ist typisch James Brown. Ein Mann aus dem Süden.“ McBride wandelt hart am Sozialkitsch, wenn er als Intellektueller aus dem Norden die „Mentalität des Südens“ anpreist. Er beschreibt eine archaische Gesellschaft, gewalttätig, offen rassistisch, aber: die Southerners sind weniger verlogen. Die Northerner tragen den liberalen Konsens vor sich her, dazu das Gefühl der moralischen Überlegenheit, schließlich haben sie die Sklaven befreit. Manchmal wirkt es, als wolle James McBride den unverstandenen Süden gegen den hochnäsigen Norden verteidigen. „Ich glaube, der Norden versteht den Süden nicht. Deswegen tut mir der Süden nicht leid, schließlich ist es der Teil von Amerika, der Schwarze am meisten unterdrückt. Und es ist der Teil, der unseren gegenwärtigen Präsidenten unterstützt.“


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