Bayern 2 - Zündfunk


14

Rassismus auf Reisen Warum Backpacking für Schwarze nicht selbstverständlich ist

Schonmal drüber nachgedacht? Gibt man die Stichwörter „Backpacker“ oder „Globetrotter“ ein, spuckt die Suchmaschine nur Bilder von weißen, westlichen Menschen aus. Als schwarzer Rucksacktourist hat man es schwer - dabei geht es beim Backpacking doch eigentlich um Grenzenlosigkeit.

Von: Alexandra Martini

Stand: 23.01.2018

Backpacker Elom Maurice Ayeboua | Bild: Elom Maurice Ayeboua

„Während meines kompletten Trips war ich der Einzige, der mit dem Rucksack unterwegs war und so aussah wie ich. Aber ich habe viele weiße Kids gesehen, das war die Norm.“ Elom Maurice Ayeboua kam mit 14 Jahren mit seiner Familie aus Togo nach Colorado. Seit der Highschool hatte er ein Ziel: mit dem Rucksack durch Europa reisen, noch vor seinem 30. Geburtstag. Er wusste, dass er eine Ausnahme war: Keiner seiner schwarzen Mitstudenten auf dem College dachte ans Reisen. Während sie Geld verdienten, um sich irgendwann ein Haus oder ein Auto zu leisten, legte Elom es für seine Reise beiseite. Was er nicht wusste, sondern nur ahnen konnte: Dass er als schwarzer Rucksacktourist auch in Europa die Ausnahme sein würde. Das fing gleich auf der Plattform couchsurfing.com an.

„Couchsurfing habe ich irgendwann aufgegeben“

Als schwarzer Backpacker fällt Elom fast überall auf

„Ironischerweise war der einzige, der mich bei Couchsurfing akzeptiert hat, auch schwarz. Ich hatte sehr viele Anfragen rausgeschickt, aber niemand sonst hat mich aufgenommen“, erzählt Elom. Es gibt dieses Phänomen bei Couchsurfing: Frauen nehmen lieber Frauen auf, weil sie sich dann sicherer fühlen. Männer nehmen lieber Frauen auf, vielleicht auch weil sie auf einen Flirt aus sind. Für Männer ist es also generell schwerer, eine Couch zu finden. „Ich kann das nicht beweisen, aber ich glaube, dass es deine Chancen nochmal verringert, wenn du nicht nur männlich, sondern auch schwarz bist. Viele Menschen begegnen keinen schwarzen Personen im Alltag und das macht es für mich noch schwieriger. Ein paar Typen, die ich getroffen habe, hatten Glück beim Couchsurfing, aber ich hab irgendwann aufgegeben.“

Als schwarzer Backpacker fällt Elom fast überall auf - und gerät manchmal in unangenehme Situationen, wie zum Beispiel gleich zu Beginn seiner Reise in Bukarest: „In den Straßen sah ich die Blicke der Menschen, als ob sie noch nie eine schwarze Person gesehen hätten, und das hatten sie wohl auch nicht. Meistens waren es keine feindseligen Blicke, aber sie haben mich spüren lassen, dass ich hier nicht hingehöre.“ Elom reist weiter, nach Budapest, Prag, Berlin, Brüssel, Rom, ins Baltikum. Er freundet sich mit Einheimischen und Backpackern an und genießt die neuen Eindrücke. In einer Bar in Litauen passiert etwas, auf das er überhaupt nicht vorbereitet ist:

“Da legt dieser Typ seinen Arm um meinen Hals und sagt: Hey Nigger, wie geht’s? Ich war total baff und schockiert, weil niemand je zu mir das N-Wort gesagt hatte. Er machte weiter, wiederholte das Wort mehrmals bis ich sagte: Hey, hör auf, ich will nicht so genannt werden. Er war offensichtlich angetrunken und erklärte mir: Oh Mann, das ist nett gemeint, weil ich dich mag. Auf meine Nachfrage, wie er darauf käme, sagte er, dass er das aus Filmen kennt, dass man sich gegenseitig „Nigger“ nennt und dass das doch eine freundliche Begrüßung sei.” Elom erklärt ihm geduldig den Unterschied zwischen N-I-G-G-A, dem Wort dass manche Afroamerikaner untereinander benutzen und N-I-G-G-E-R, dem Wort, dass für Sklaven benutzt wurde. Ein Freund des Betrunkenen hat sich dann stellvertretend entschuldigt. Sie sind heute auf Facebook befreundet. „Es gab also beides: Feindseligkeit und eben auch Offenheit“, so Elom.

Geschichtliche Komponente

Die 39-jährige Afroamerikanerin Tamara Walker ist seit 20 Jahren immer wieder in der Welt unterwegs. Sie bestätigt, dass Afroamerikaner bedeutend weniger reisen oder im Ausland studieren. Das habe verschiedene Gründe: zu wenig Geld, zu wenig Vorbilder, und die Angst vor Rassismus auf Reisen. Das hat für die College-Professorin auch mit dem Trauma der Rassentrennung in den USA zu tun, die bis 1964 andauerte: „Besonders im Süden der USA weigerten sich damals viele Hotels, Zimmer an Schwarze zu vermieten. Es gab dann einen Reiseführer, das Negro Motorist Green Book, in dem verzeichnet war, wo man als Schwarzer sicher unterkommen oder ins Restaurant gehen konnte. Reisen war für Schwarze echt kompliziert. Und ich glaube, dass die Menschen dieses Gefühl später auch auf die Welt ausgeweitet haben. Es gibt viele Erklärungen dafür, dass viele Schwarze denken: Reisen ist nicht für mich gedacht.“ Eloms Erfahrungsbericht überrascht sie nicht. Erst letzten Sommer wurde ihr schwarzer, Dreadlock tragender Cousin mit seiner Tochter von einem Münchner Hotel abgewiesen. Tamara war bereits in der Stadt unterwegs und musste am Telefon für ihn bürgen, obwohl sie ihn vorher an der Rezeption angekündigt hatte.

#blacktravelers

"Je mehr wir um die Welt reisen, desto mehr Stigmata und Stereotypen werden wir brechen", sagt Backpacker Elom Maurice Ayeboua

“Ich glaube, dass die Leute ein gewisses mediales Bild des schwarzen Mannes im Kopf haben. Und wenn sie persönlich keine schwarzen Männer kennen, behandeln sie sie mit Misstrauen. Als eine schwarze Frau hingegen habe ich in Europa und Lateinamerika die Erfahrung gemacht, besonders sexualisiert zu werden. Bei einem Studienaufenthalt in Argentinien habe ich festgestellt, dass für die Leute dort jede schwarze Frau aus Brasilien kommt und als Prostituierte arbeitet“, so Tamara. Ein neues „Green Book“, das People of Color vor rassistischen Orten warnt, ist für Tamara Walker aber keine Option. Mit ihrer Stiftung „The Wandering Scholar“ ermöglicht sie Studenten mit schwachem finanziellen Background Auslandsaufenthalte, darunter vielen Afroamerikanern. In den sozialen Netzwerken fangen immer mehr Schwarze an, ihre Reiseerlebnisse unter dem Schlagwort #blacktravelers zu teilen. Es entstehen hippe Reisewebsites wie „Travel Noire“, die sich explizit an schwarze Millennials wenden. Elom Maurice Ayeboua ist kurz vor seinem 30. Geburtstag zurück in die USA gekommen. Jetzt will er auch andere inspirieren: „Je mehr wir um die Welt reisen, desto mehr Stigmata und Stereotypen werden wir brechen. Wir werden dadurch zeigen, dass man uns nicht in eine Schublade stecken kann, weil jede schwarze Person individuell ist, je nach ihrem Background und ihren Erfahrungen.“


14