Bayern 2 - Zündfunk


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Bayern, 9.3./12.4.2018 Tocotronic - Die Unendlichkeit Live 2018

Ich erzähle dir alles / Und alles ist wahr – Electric Guitar // Wollte man dem zwölften Album von Tocotronic ein Motto geben, könnte das Öffnung und Rückblick sein oder Verletzlich und frei. Es handelt von dem, was war, dem, was ist, und dem, was sein wird. Es heißt DIE UNENDLICHKEIT und ist DEEP!

Von: Anne Waak, Universal

Stand: 12.04.2018

Die Unendlichkeit Live 2018 | Bild: Universal Music

09 März

Freitag, 09. März 2018, 20:00 Uhr

E-Werk, Fuchsenwiese 1, Erlangen:

Eintritt: 32,50 Euro

12 April

Donnerstag, 12. April 2018, 20:00 Uhr

Tonhalle, Grafinger Str. 6, München:

Eintritt: ab 32,50 Euro

Tocotronic 2017: Es ist ein doppeltes Konzeptalbum und Sie klingen nicht mehr wie eine zerrissene Cordhose der 90er, sondern eher wie eine maßangefertigte Jeans. Die sturen, zornigen Jahre sind vorüber und jedes Stück weist spezifische, zeitgebundene musikalische Referenzen auf und hat seinen Ausgang im Werden und Sein.

Es ist eine Biografie. Ein Ansatz, den Tocotronic 15 Jahre lang abgelehnt haben. Aber einmal gefunden, erwies sich die Vorgabe, über das eigene Leben zu schreiben, als äußert produktiv. Wobei das Album keinesfalls eine individualistische Nabelschau geworden ist. Denn es erzählt von allgemein gültigen, wenn nicht existenziellen Erfahrungen: von Angst, Verliebtsein, Einsamkeit und Tod. Mit dieser neuen Art von Songwriting geht eine andere Sprache einher. Eine, die keine Verklausulierungen duldet.

"Ein bisschen haben wir uns zuletzt sicherlich hinter Manifesten, Theorie-Referenzen und dem Formalismus versteckt"

Dirk von Lowtzow.

DIE UNENDLICHKEIT ist daher auch ein Neubeginn.

Das Biografische also, das auf dem letzten, dem roten Album, mit Stücken wie Ich öffne mich oder Jungfernfahrt schon angelegt war, wird hier zum konzeptuellen Ansatz: von der Kindheit über die Adoleszenz und frühe Erwachsenenzeit bis in die Gegenwart. Nach 25 Jahren Bandgeschichte heißt das auch: Die Hälfte dieser Zeit hat mit Tocotronic selbst zu tun. Mehr als das halbe Leben.

Das Eröffnungs- und Titelstück sowie das orchestrale Mein Morgen bilden das Vor- und Nachwort, eine Klammer für das aufwendig produzierte, bislang musikalisch differenzierteste und abwechslungsreichste Album der Band. Tapfer und Grausam handelt von der frühen Kindheit, dem Gefühl des Ausgeschlossenseins und der Herzlosigkeit anderer Kinder. Hey Du erzählt vom Anderssein in der Fußgängerzone der Provinz, vom Beschimpft- und Vermöbeltwerden, aber auch vom unverhohlenen Stolz, modisch aufzufallen.

1993 führt zurück ins Gründungsjahr der Band, dem Auszug aus der Hölle Heimat in Richtung Hamburg. Form und Inhalt kommen zur Deckung: Dirks Stimme klingt hier viel heller und jünger als auf den Stücken, die von späteren Ereignissen und Lebensphasen erzählen. Jan Müllers Bass und Arne Zanks Schlagzeug bollern wie in den Anfangstagen der Band, Rick McPhails Gitarre jault. Auf die Saufexzesse in den dunklen Hamburger Kaschemmen und eine beginnende Sucht folgt ein Umzug nach Berlin.

Ausgerechnet du hast mich gerettet erzählt von dieser Errettung, wobei mit dem Du statt der Stadt – nicht schön, doch auch kein Biest – auch eine geliebte Person gemeint sein könnte. Weil jede Lebensphase ihre spezifische Musik hat, verbeugt sich auch jedes der Stücke in Richtung einer Band oder eines Stils, die oder der in dieser Phase wichtig und einflussreich war. Die musikalische Zeitreise beginnt bei den Beatles-Songs der Kindheit, gleitet über das Orff’sche Schulwerk bis hin zu 80’s-Gitarrenpop, Dub und Progressive Rock. Auch hier erwies sich das vermeintlich enge Korsett eines Konzepts als befreiend. Es ist eine Hintertür, durch die der stilprägende Tocotronic-Sound plötzlich an Hüsker Dü oder Roxy Music erinnern kann. Ersteres in Ich lebe in einem wilden Wirbel, einem Lied über die erste große Liebe und das Gefühl, durch sie über die Dörfer fliegen zu können. Letzteres in Bis uns das Licht vertreibt, das um das Gefühl hysterischer Einsamkeit kreist und um viele gerauchte Zigaretten.

DIE UNENDLICHKEIT ist auch ein historisches Deutschland-Porträt. Da sind die Koordinaten einer Provinz-Pubertät, das von Apfelkorn befeuerte Rumlungern an der Bushaltestelle und die RAF-Fahndungsplakate, in der Coming-of-Age-Hymne Electric Guitar, die gleichzeitig auch ein Geburtstagslied zum Hundertjährigen des Instruments ist.

"Für mich war die Gitarre das erste Mittel der Subjektivierung und Inszenierung. Vieles von dem, was für Tocotronic später wichtig werden sollte, wurde da schon angelegt."

Dirk von Lowtzow.

Das Bordtelefon im ICE, das in Unwiederbringlich auftaucht, einem Stück über das Sterben eines engen Freundes, erinnert an eine Zeit, von der aus gesehen die Technik, mit der wir kommunizieren, als Science Fiction erscheint. Mein Morgen wiederum hat diese Endzeit-Grundierung der 80er-Jahre, die unter dem Eindruck des Kalten Kriegs, Tschernobyls und des Waldsterbens herrschte und die derzeit wieder so gegenwärtig wirkt. Nächste Ausfahrt Apokalypse. Ich würd’s dir sagen schließlich ist eine Art dunkles Kinderlied über Begehren, erotische Phantasmen und Todessehnsucht.

Zu Ende geht das Album mit einem Stück, das wie zum Trotz noch einmal einen klassischen Tocotronic- Slogan liefert: Alles, was ich immer wollte, war alles.

Als Blaupause für Kreativität und Veränderung sind Tocotronic ein Vorbild. Über 25 Jahre haben sie sich immer neu erfunden und bei ihnen sieht man, wie es wohl gewesen wäre, würde Kurt Cobain noch leben. Wie eine Band altert und was das für Überraschungen bereithält.


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