Bayern 2 - Zündfunk


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"Wir sind radikal" Die SOKO Tierschutz macht erfolgreich Jagd auf Tierquäler

Massentierhaltung ist schlecht, wissen wir. Schlachthöfe blenden wir aus. Wir kaufen doch bio... Aber es gibt kein bio in der Fleischindustrie. Die SOKO Tierschutz recherchiert seit Jahren undercover. Spektakulär. Aber dem Verein geht es um die Sache. Ein Porträt.

Von: Katharina Mutz

Stand: 13.12.2017

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz, auf einer Truhthahnfarm | Bild: SOKO Tierschutz

Im veganen Imbiss, in dem wir uns verabredet haben, bestellt Friedrich Mülln erst mal einen Tee. Gut für seine Stimme, die er sich bei der Demo am Samstag vor einer McDonalds-Filiale in München heiser geschrien hat. Vor fünf Jahren hat der 37-Jährige die SOKO Tierschutz gegründet – eine Organisation, die manche als radikal bezeichnen. Mülln identifiziert sich gerne mit diesem Label: "Wir sind radikal. Radikal kommt von „radix“, der Wurzel, weil wir das Übel bei der Wurzel packen und nicht wie andere Tierschutzorganisationen versuchen, die Blätter von Staub zu befreien."

Mülln ist seit langem Tierschützer. Veganer war er schon, als das noch nicht in Mode war. Mit 14 hat er aufgehört, tierische Produkte zu essen. Damals im Chiemgau sei das die Hölle gewesen, erzählt er. Der Auslöser für seine Entscheidung war eine Doku über die Kastration von Ferkeln. Und das obwohl er Fleisch liebte – gerne auch ohne Beilagen. Weil Müllns Vater im Großhandel für die Fleisch- und Fischindustrie arbeitete, kam Fleisch in der Familie täglich auf den Tisch. Mit seiner Entscheidung, Veganer zu werden, sei sein Vater trotz allem gut umgegangen: „Mein Vater wusste, dass die Tierindustrie schlecht ist. Das weiß jeder in dieser Branche. Viele verdrängen es, aber alle wissen es. Es klappt nichts, es herrscht ständiger Rechtsbruch, und den Leuten sind die Tiere egal. Das wusste mein Vater und deswegen hat er mich dann auch nach einer kleinen Schockphase mit allen Kräften unterstützt und mir sogar geholfen, so mit 14 meine ersten Undercover-Recherchen zu machen bei ehemaligen Geschäftspartnern von ihm.“

In der Fleischindustrie herrscht ständiger Rechtsbruch

Für seinen ersten Einsatz radelt Mülln zu einer nahegelegenen Putenfarm. Er schaut über einen Zaun, sieht verletzte, blutige Puten mit verstümmelten Schnäbeln – und bittet seinen Vater am nächsten Tag, ihm die erste Kamera zu kaufen. Heute sehen die Undercover-Recherchen der SOKO Tierschutz deutlich professioneller aus: Mülln und seine insgesamt elf Mitstreiter dringen nachts in Schlachthöfe oder Mastanlagen ein – nicht nur in Deutschland, sondern auch in China oder für Spiegel TV in eine Pelzfarm in Polen: „Das ist Kot, Fäkalien von vielen Monaten. Das ist abgewetztes Fell zusammen mit Dreck. Die Tiere wetzen sich ja dauernd an den Käfiggittern und da entsteht dann dieser Filz hier überall.“

Hauptschuld tragen aber nicht die Betriebe, sondern: Die Kunden

Manchmal schleust die SOKO Tierschutz ihre Aktivisten für mehrere Monate in Schlachtbetriebe und Labore ein

Manchmal schleust die SOKO ihre Aktivisten für mehrere Monate in Schlachtbetriebe oder Tierversuchslabore ein – mehrere Einrichtungen mussten nach Bekanntwerden des Materials dichtmachen. Zuletzt traf es den Schlachthof in Fürstenfeldbruck, in dem zu einem Großteil Tiere aus Biohaltung geschlachtet wurden. Die SOKO Tierschutz hatte dort gravierende Mängel in Hinblick auf Fütterung und Betäubung dokumentiert. Trotz dieser Missstände in der Industrie tragen für Mülln die Hauptschuld am Tierleid nicht Schlachthöfe oder Fleischproduzenten, sondern: Die Kunden. Auch wer sein Gewissen mit dem Kauf von Bio-Fleisch beruhige, mache es sich zu einfach: „Die Leute laufen einem Trugbild hinterher. Es ist weder ökologisch, noch hilft es den Tieren besonders. Das zeigen die letzten Schlachtskandale: Zwei Bio-Schlachthöfe aufgeflogen, allein in Bayern. Und es gibt nur zwei! Der einzige echte Ausweg ist die vegane Lebensweise.“

Es gibt kein Bio-Fleisch

Das klingt tatsächlich radikal - oder zumindest kompromisslos. Und so wundert es nicht, dass sich die SOKO Tierschutz mit ihrer Fundamentalkritik auch Feinde gemacht hat. Im vergangenen Jahr etwa berichteten die Aktivisten über die Zustände in den Ställen des Vorzeige-Öko-Betriebs „Herrmannsdorfer Landwerkstätten“. Mülln wirft dem Unternehmen vor, Antibiotika eingesetzt zu haben, die mit dessen Biozertifizierung unvereinbar waren. Zudem seien Säue in Käfigen gehalten worden, in denen sie sich nicht einmal umdrehen konnten. Geschäftsführer Karl Schweisfurth wehrte sich gegen die Vorwürfe, stritt alles ab. Übertreibt die SOKO also? Nein, beteuert Mülln: „Herrmannsdorfer hat seinen Kunden schriftlich gesagt, dass die Sauen nicht in Kastenständen gehalten wurden. Wir haben das Gegenteil dokumentiert. Und wenn Herrmannsdorfer dann sagt, das wäre alles gelogen von unserer Seite, dann sollen sie vor Gericht gehen. Das machen sie aber nicht, weil sie wissen da verlieren sie.“

Auch keine weiße Weste: Herrmannsdorfer

SOKO Tierschutz-Demonstrationen 2014 in Stuttgart

Denn, sagt Mülln, die Fakten – also das aufgezeichnete Videomaterial – sprächen für sich. Tatsächlich will sich Karl Schweisfurth von den Herrmannsdorfer Landwerkstätten gegenüber dem Zündfunk nicht zu den Vorwürfen äußern. Umstritten war auch eine Aktion der SOKO Tierschutz aus dem Jahr 2014. Damals hatte sich ein Aktivist für ein halbes Jahr ins Max-Planck-Institut in Tübingen eingeschleust und dort dokumentiert, wie Tierversuche gemacht wurden. Das Videomaterial wurde in Stern TV veröffentlicht, es kam zu massiven öffentlichen Protesten. Letztlich musste das Institut schließen. Ein Erfolg, der Friedrich Mülln in seinem Glauben bestärkt, dass sich die Situation für Tiere in der Zukunft verbessern werde. Noch als Schüler wettete er mit seinem Ethiklehrer: In 40 Jahren werde McDonalds vegan sein. Hinter dieser steilen These steht Mülln noch heute erzählt er, als er in sein Seitan-Dönerfleisch beißt: „Diese Kombination aus den ökologischen Problemen, mit denen wir konfrontiert werden – Wasserknappheit, Klimawandel – und der Debatte um Verbraucherschutz und Tierschutz wird der Tierausbeutungsindustrie den Garaus machen. Also ich denke, mit den 40 Jahren, das dürfte jetzt so in 20 Jahren der Fall sein, da hat McDonalds keine Burger aus Rind mehr.“


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