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Simon Reynolds im Interview zu "Glam" "Es gibt kein direktes Erbe, aber ich sehe viele Echos von Glam im Pop"

David Bowie, Marc Bolan, The Sweet, Suzie Quatro - sie alle sind dem Glamrock zuzuordnen. Autor Simon Reynolds schaut nach seinem Erfolgsbuch "Retromania" wieder zurück - in die Zeit des "Glam". Ein Gespräch über einen Stil, der bis heute nachwirkt.

Von: Klaus Walter

Stand: 07.12.2017

Glamband: The New York Dolls | Bild: picture-alliance/dpa

Der letzte Hit von Autor Simon Reynolds war “Retromania - Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann”. Und bei aller Kritik an der Rückspiegel-Fixierung im Pop schaut der britische Pop-Chronist auch bei seinem neuen Buch "Glam" wieder zurück. Pure Retromanie kann man ihm allerdings nicht vorwerfen, Reynolds wäre nicht Reynolds, wenn er der Glam-Vergangenheit der Siebziger Jahre nicht Erkenntnisse für unsere Gegenwart abgewinnen würde.

Ihr letztes Buch war: “Retromania”. Jetzt gehen Sie selbst zurück in die Vergangenheit. Aber sie charakterisieren Glam auch mit einem Wort, das derzeit viele in den Mund nehmen, ohne damit viel zu sagen: Glam sei retrofuturistisch. Was meinen Sie damit? 

Glam-Autor: Simon Reynolds

Simon Reynolds: In mancher Hinsicht geht Glam zurück zum primitiven Sound des Fünfziger Jahre Rock´n´Roll, The Sweet zum Beispiel waren große Fans von den frühen Who. Also geht Glam zurück zu den einfacheren Strukturen, aber mit all den Errungenschaften der späten Sechziger was den Sound von Gitarren und Schlagzeug angeht. Glam hat mehr Power und mehr Glanz als der Rock´n´Roll der Fünfziger. Nehmen Sie Gary Glitter, das ist eine sehr fortschrittliche Produktionsweise, da wird das Schlagzeug geloopt und es gibt seltsame Gitarreneffekte. Es geht also einerseits nostalgisch in die Vergangenheit aber mit den Mitteln der Hochglanzproduktion aus den Siebzigern. Der Sound von Glam ist eine eigenartige Kombination aus futuristisch und retro zur selben Zeit.

Bei allen Fortschritten im Sounddesign: Steht Gary Glitter nicht auch für die dunkle Seite des Glam?

Ja, er wurde 2015 mehrerer Fälle sexueller Nötigung, versuchter Vergewaltigung und Geschlechtsverkehrs mit minderjährigen Mädchen überführt. Er wurde zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt und wird wahrscheinlich im Gefängnis sterben. Ich wusste schon als Neunjähriger, dass da etwas Seltsames und Verstörendes war an Gary Glitter. Es war am Ende nicht überraschend, dass er diese verdorbene Seite hatte, etwas Exzessives, Absurdes und Groteskes.

Mal abgesehen von Gary Glitter: War Glam nicht so faszinierend androgyn?

Marc Bolan von T Rex

Im Glam gab es viel symbolisches gender bending, aber die meisten Glam Gruppen waren hetero, sie haben ein bisschen mit dem Androgynen gespielt, aber sie waren auf ziemlich wilde Weise hetero. Auch David Bowies Interesse an Homosexualität scheint eher kulturell geprägt gewesen zu sein als sexuell.

Apropos Bowie. Die Stars des Glam heißen David, Bryan und Brian – Ferry und Eno – oder Marc Bolan. Sie sind Männerbands wie Sweet, Slade und Mud, selbst Alice Cooper, der Schockrocker, ist ein Kerl. Was war mit den Frauen?

Glam wurde von femininen Männern bestimmt, war aber nicht feministisch. Als weiblicher Star der Glitter-Ära stand Suzi Quatro allein auf weiter Flur. Vor Suzi Quatro gab es keine Frau, die Bass spielte und auf so eine aggressive Art sang. Sie hatte dieses Tomboy-Image, ein sexy Tomboy mit schwarzem Body Suit. Damit hat sie die Zuschreibungen unterwandert, nach denen Frauen sich hübsch machen sollen, und sich schön schminken. Diese Art des Deglamourisierens, das hat viele Frauen inspiriert, Joan Jett etwa, sie war der weltgrößte Suzi Quatro Fan. Quatro hat viele toughe weibliche Rocker inspiriert und nicht den verdienten Credit bekommen.

In den frühen Siebziger Jahren wird die Rockmusik endlich ernstgenommen - von seriösen Kritikern genauso wie von sich selbst. Die Songs werden länger, die Soli werden länger, das gilt als „progressiv“ und ernstzunehmende progressive Musik gibt es nur im Albumformat. Dann kommt Glam, die neue Teenagermusik und plötzlich spielen Singles wieder eine Rolle, klein, handlich, schnell: 45 Umdrehungen pro Minute. Ist die Single das Medium des Glamrock?

Simon Reynolds: Unbedingt! Nehmen Sie The Sweet, eine der größten Bands des Glamrock. Ihre Killersingles "Blockbuster!", "Hellraiser", "Ballroom Blitz" und "Teenage Rampage" bestehen aus nichts als Verkaufsargumenten. Es gibt keine überflüssigen Gitarrensoli, keinen Blues-Ballast. Diese Klassiker sind purer Sensationalismus: die Four-Seasons-/Beach-Boys-Harmonien, die schnittigen Edelstahl-Riffs, die cartoonhaften Szenarios in den Texten und, zu guter Letzt, die mit Bedacht angewandten Audio-Gimmicks wie die Polizeisirene auf "Blockbuster!", die für den amerikanischen Markt von der Single entfernt wurde, weil man Angst hatte, sie könne Verkehrsteilnehmer verwirren, die den Song in ihrem Auto hören.“

„Nachbeben“ ist der Titel des umfangreichen letzten Kapitels. Das führt bis in unsere Gegenwart. Wo sehen sie die Nachbeben von Glam heute?

Erbin des Glam: Nikki Minaj

Lady Gaga zum Beispiel versteht sich als Erbin von David Bowie. Aber ich sehe Nachbeben dieser Ära auch in vielen Rap-Songs. Rap dreht sich darum, berühmt zu sein. Da gibt es auch viele Alter Ego Raps. Nikki Minaj spielt mit vielen verschiedenen Persönlichkeiten, die sie verkörpert. Es ist generell der theatrale Aspekt im Pop der letzten zehn Jahre, die großen Bühnenshows, die Lichtarrangements, wie ein Bombardement. Es gibt vielleicht kein direktes Erbe, aber ich sehe viele Echos von Glam im Pop von heute.

Das Buch "Glam" von Simon Reynolds ist im Ventil Verlag erschienen.


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