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Album der Woche: "Saturation III" Wie Brockhampton die Boyband wieder salonfähig machen

„Die erste Boyband des Internets“ nennt Kevin Abstract, Kopf vom HipHop-Kollektiv Brockhampton, seine Band. Die Mitglieder haben sich in einem Kanye West-Fanforum kennen gelernt. Das mit der „Boyband“ geht aber viel tiefer. Wieso ihr diese Boygroup 2018 gehört haben müsst.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 08.01.2018

Boybands, so lahm das Image auch sein mag, können jede Menge. Boybands stehen für Erfolg. Da denken wir alle erstmal an Take That und One Direction und nicht an die erfolglosen – weil an die erinnert sich keine Sau. Für Boybands gibt es einen Marketingplan, da wird getüftelt und geschaut, was man rausholen kann. Das tun Brockhampton auch. Diese Band hat, je nachdem, wen man fragt, ca. 15 Mitglieder, vom Rapper bis hin zum Designer und Webmaster: Brockhampton sind Band und Marketingagentur in einem.

Vor allem aber sind Brockhampton eine Boyband, weil sie genau das sind: Boys. Und eben nicht: Men – keine Männer. Brockhampton sind verspielt, sie vergleichen sich nicht mit anderen Rappern, sondern schweben drüber wie Aladin, dem Prinzen aus „1001 Nacht“. Und sogar wenn sie ein klassisches Gangster Rap-Element übernehmen, verdrehen sie es doch: So wird die Polizeisirene im Song „Zipper“ entzerrt und zur Sounduntermalung eines Songs über Erfolg.

Positive Vibes

Andere Männer im Ami-Rap sind aktuell entweder ständig druff und neben der Spur oder eben immer noch muskelbepackt. Sie schauen böse, haben offenbar nicht den geringsten Spaß am Leben und die schweren Zeiten auf der Straße haben sie hart gemacht wie Stahl. Brockhampton sind dagegen eher wie Ton. Sie sind noch formbar. Die einzelnen Mitglieder haben auch einiges durchgemacht – und machen jetzt eben das Beste daraus. Sie rappen über schwierige Familienverhältnisse, wenig Geld und Drogen. Aber wie von einem bösen Traum, den sie durchs Aussprechen verjagen wollen - und nicht wie von einem Abzeichen auf einer Schärpe. Und wenn es bei Brockhampton doch mal um maskuline Männer geht, klingt’s direkt überzogen. Oder wie bei Peter und der Wolf, wenn jeder Charakter sein Instrument erhält. So weiß man teilweise nicht: Geht’s hier echt um Gangster oder machen sich gerade alle lustig über diese stumpfen Stereotypen, wie den aus dem Song „Stupid“?

Brockhamptons Kurzfilm "Billy Star"

Und immer dringt eine positiv-hedonistische Message durch. Ein großes Trotzdem. „Ich wurde fertig gemacht, ich wurde niedergeschossen, rausgeworfen, aber heute Nacht kann mich niemand stoppen, ich hole mir alles, was ich mag“ („Boogie“).
Aus den positiven Vibes von Brockhampton wurde schon viel Hoffnung rausgelesen. Diese Band wäre zuversichtlich, dass sich alles im Leben zum Besseren wendet. Aber diese Hoffnung ist nicht echt und auf keinen Fall für uns alle da. Brockhamptons gute Laune ist ein gelooptes Mantra: ein „fake it till you make it“. Und damit ultra-amerikanisch: Ich sage jetzt so oft, dass es mir besser geht, bis ich es selbst glaube.

Ein echtes Team

„Saturation III“ ist ihr drittes Album innerhalb eines Jahres. Und mehr als vorher sind sie nun ein Team und kein Haufen Individualisten mehr. Die Rap-Parts stehen nicht mehr hintereinander Schlange, nur damit jeder Mal ran darf. Es sind echte Songs. Und trotzdem: Auf Langspieler-Länge klingt das Bandkonzept immer noch eher nach Compilation als nach kohärentem Gesamtkunstwerk. Aber auch das ist ein Erfolgsrezept im Jahr 2018, in dem Alben immer unwichtiger werden und Singles dominieren. Bei ihrem immensen Output müssen Brockhampton aufpassen, dass die Albentitel sich nicht bewahrheiten und die Saturation - also die Sättigung - beim Hörer einsetzt. Als Boyband werden sie sich auch da auf ihre Fans verlassen können. Die sind nämlich wie alle Fans von Boygroups: Unersättlich.


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