Bayern 2 - Zündfunk


12

Masha Alechina von Pussy Riot im Interview "Wir wollen in eure Gefängnisse"

In Russland politisch verfolgt, in Europa oft als gehyptes Pop-Projekt abgetan - dabei sind Pussy Riot viel mehr. Ein Gespräch über die Abwesenheit von Gender Theorie in Russland, den Frauen-Knast und einen praktischen Feminismus.

Von: Maria Fedorova

Stand: 23.01.2018

Masha Alechina | Bild: Albie Mitchell

40 Sekunden hat damals das Punk-Gebet gedauert. In diesen 40 Sekunden haben Pussy Riot eine neue politische Öffentlichkeit erschaffen, mit der sie in Russland weiterhin arbeiten – mittlerweile tut das jede Person der Gruppe auf ihre Art. Pussy Riot Mitglied Masha Alechina hat mit "Tage des Aufstands" eine Performance entwickelt, die auf ihrem gleichnamigen Buch basiert. Es ist ein call for action.

Message Nummer 1: Jeder kann Pussy Riot sein, jeder hat die Wahl zwischen Anpassung und persönlicher Freiheit.
Message Nummer 2: Es braucht Übermut und Humor, um die Strafkolonie zu überleben.

Masha Alechina weiß, wovon sie spricht. Und ihr beim Sprechen zuzuhören und zuzusehen, das ist ein Erlebnis für sich. Hinter den Kulissen versprüht sie die gleiche derbe Energie wie auf der Bühne. Masha Alechina raucht kette, spricht direkt und flucht viel.

Zündfunk: Zur Zeit tourst du mit der Musikperformance "Tage des Aufstands", die auf dem gleichnamigen Buch basiert. Auf der Bühne seid ihr zu viert, zwei Männer und zwei Frauen. Das Markenzeichen von Pussy Riot, die Sturmhauben, zieht ihr an und setzt sie dann wieder ab. Von dem ursprünglichen Konzept der Band – maskierte Frauen in bunten Klamotten – bist du also weggekommen. Warum?

Masha Alechina: Nachdem wir verhaftet wurden und bei den Gerichtsverhandlungen öffentlich aussagen mussten, hat sich das Konzept automatisch verändert. Die russische Justiz hat uns die Sturmhauben vom Kopf gerissen. Es sind sechs Jahre vergangen, inzwischen haben wir verschiedene Formen des Protests ausprobiert. Noch in der Strafkolonie haben wir "Mediazone" gegründet [Anm.d.Red.: eine Nachrichtenseite, u.a. mit den Hauptthemen Polizeigewalt, politische Verfolgungen]. Ein unabhängiges Nachrichtenportal zu betreiben, das war für uns ein absolutes Wunder, etwas ganz Neues. Es gibt so viele Arten der politischen Kunst und des politischen Wiederstands. Ich will sie alle entdecken.

Wie hast du angefangen dich politisch zu engagieren und feministische Kunst zu machen?

Masha Alechina

Früher bin ich nicht in irgendwelchen feministischen Kreisen abgehangen. Ich hatte keinen Zugang zu Subkulturen. Ich musste zu Hause bleiben und mich um mein Kind kümmern. Ich habe schon mit 18 ein Kind bekommen und so unser Sozialsystem am eigenen Leib erfahren. Und dann habe ich angefangen, mich politisch zu engagieren. Als mein Kind zwei Jahre alt war, habe ich meine ersten Demos organisiert, erstmal nur ökologische. Dann kamen weitere Aktionen. Auf diesem Niveau funktioniert Feminismus in Russland. Er ist nicht institutionalisiert. In den akademischen Kreisen gibt es keine elementare Sachen wie Zugang zur Literatur. Judith Butler und Rosi Braidotti sind nicht ins Russische übersetzt. Sogar an den renommierten Moskauer Universitäten brauchst du niemandem mit einer Gender Theorie ankommen. Aber es gibt Leute, die selber was machen.

Dein Buch "Tage des Aufstands" ist eigentlich ein Knastbericht. Also eine Art der Literatur, die vor Pussy Riot fast ausschließlich von den männlichen Dissidenten stammte.

Ja, das ist echt krass. Es gibt einfach keine Literatur von weiblichen Politgefangenen, außer vielleicht ein oder zwei Ausnahmen. Dabei sind das Justizsystem und das Gefängnissystem absolut patriarchal. Im Männergefängnis gelten andere Regeln und ein anderes Kastensystem als im Frauengefängnis. Ich wollte die Gefängnissysteme in verschiedenen Ländern vergleichen. 2014, im ersten Jahr nach unserer Entlassung sind wir viel gereist. Egal in welchem Land wir zu Besuch waren, überall wollten wir uns den Knast anschauen. Als wir dem Bürgermeister von New York vorgestellt wurden, hat er uns gefragt: "Wie kann ich behilflich sein, was wollen Sie hier machen?" Das erste, was wir sagten: "Wir wollen in euer Gefängnis." Er war ein bisschen schockiert, hat es aber organisiert.

In Russland werdet ihr politisch verfolgt. Eure Aktionen zielen immer darauf ab, die Mächtigen zu provozieren. Wie passt das ins sichere Ambiente der europäischen Clubs und Konzerthallen? Wieso wolltest du eure Aktionskunst auf die Bühne holen?

Das was wir machen soll nicht nur den Staat und die Mächtigen provozieren. Wir wollen auch mit den Leuten ins Gespräch kommen. Und deswegen sage ich immer: Für uns wäre das Beste, wenn unser Stück die Leute dazu anregt was eigenes zu machen. Ich glaube in den USA, in Europa, auch in Deutschland ist höchste Zeit dafür.


12