Sheet Music Zurück zum Papier
Beck hat vergangene Woche angekündigt, er werde neue Musik veröffentlichen. Aber nicht wie üblich auf CD oder Vinyl - er vertreibt seine neuen Songs in einer Notensammlung, als "Sheet Music". Was viele nicht wissen: Das Notenblatt war der Anfang des großen Popbusiness.
Der erste Smash Hit der Musikgeschichte: "After The Ball", 1892 komponiert von Charles K. Harris. Der Song verkaufte sich über fünf Millionen mal weltweit. Aber nicht als Schallplatte, sondern als gedrucktes Notenblatt. Als sogenannte Sheet Music. Und mit der Sheet Music kamen auch die ersten Marketingstrategien in die Unterhaltungs-Musik, sagt Ernst Hofacker. Er ist Autor des Buchs "Von Edison bis Elvis".
"Da war dann erst ein geregeltes Geschäft mit Musik möglich. Wenn jemand nen Song geschrieben hatte, dann war der erstmal nur auf Notenblättern vorhanden oder im Kopf von jemandem oder eben nur zu hören, wenn er ihn gespielt hat. Insofern war ein Song nicht an eine Platte gebunden und auch nicht an eine ganz bestimmte Interpretation. Wenn heute Lady Gaga nen neuen Song aufnimmt, dann ist dieser Song, egal wer ihn geschrieben hat, fortan mit der Interpretation von Lady Gaga verbunden. Damals war das nicht so. Insofern ist es also richtig: der Song war der Star."
Ernst Hofacker
Der Song war der Star, nicht der Sänger. Und die Songs wurden damals schon vermarktet wie heute Lady Gaga. Zwar mit anderen Mitteln, aber mit ähnlich viel Aufwand. Der Song "After The Ball" wurde gezielt für ein Massenpublikum geschrieben und offensiv promotet - mit großem Pomp auf der Weltausstellung in Chicago. Komponiert wurde der Song in der Hitfabrik "Tin Pan Alley", einem Straßenzug in New York zwischen 5th Avenue und Broadway. Hier siedelten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Musikverlage an.
Notenblätter machten Musik zur käuflichen Ware
Mit den Music Sheets wurden Lieder nicht mehr nur mündlich überliefert, sondern konnten von einem zum nächsten weitergegeben werden. Das Entscheidende dabei: Sie konnten weiterverkauft werden.
So wurde mit dem Notenblatt die Musik erstmals zum Produkt und zur Massenware. Auch wenn wir heute bei früher amerikanischer Popmusik an Blues, Jazz, Country denken, spielten diese Genres zur Zeit der Sheet Music bis 1920 fast keine Rolle. Sheet Music: Das waren importierte Operetten aus Europa, Märsche und Schlager. Vor allem der Ragtime hat reihenweise solche Schlager hervorgebracht. Scott Joplin - wohl der berühmteste Ragtimer - war der erste, dessen Rags auf Sheet Music gedruckt wurden.
Harry Belafonte suchte Musik und fand Noten
Dann kamen die Massenmedien: Das Radio und die Schellack-Platte. Die Zeit der Sheet Music war schnell vorbei. Notenblätter waren kein Medium mehr für Musik, sondern nur Lehrmaterial an Schulen und Musikschulen. Noch ab und zu wurde die Sheet Music wieder zum Thema in der Unterhaltungsmusik. Beispielsweise, als Harry Belafonte in den 50er und 60er Jahren nach den Ursprüngen der afroamerikanischen Musik suchte. Bei seinen Forschungen fand Belafonte keine Tonaufnahmen, sondern nur Notenblätter, die er von befreundeten Musikern interpretieren ließ. Diese Sheet Music-Gospels und -Traditionals wurden erst 2002 als „The Long Road To Freedom - Anthology Of Black Music“ veröffentlicht.
Seit dieser Veröffentlichung ist es um die Sheet Music im Pop wieder leise geworden. Aber Notenblätter und ihre Vermarktung sind längst nicht ausgestorben. Seit Jahrzehnten verkaufen Musikverlage konstant Noten. Klassik-Verlage erzielen sogar bis zu 80 Prozent ihrer Einnahmen aus Noten-Verkäufen. Martin Schaffelhofer verkauft Songbooks in den Bereichen Pop, Rock und Jazz.
"Die Verkaufsschlager sind schon die großen Klassiker wie Stones oder die Beatles. Da kann man davon ausgehen, dass die immer gehen. Da haben wir auch ein extra Fach dafür. Adele ist in diesem Jahr der Renner. Aber auch Yann Tiersens 'Fabelhafte Welt der Amelie' ist ein Dauerbrenner."
Martin Schaffelhofer
Sänger und Noten: Es hat sich umgedreht
Sheet Music als Medium für Mainstream-Pop. Es hat sich nur gedreht: Früher wurden die Sänger durch Sheet Music zu Stars. Heute gibt es nur noch Sheet Music von Stars. "It's all about the business". Aber auch die Sheet-Music-Branche kämpft mit einem großen Problem: "Copy Kills Music". Thomas Tietze vom Musikverlegerverband kennt die Zahlen:
"Die Verlage schätzen schon, dass die Verluste durch illegales Notenkopieren im satten zweistelligen Millionen-Bereich liegen, Minimum. Wir alle wissen, dass überall kopiert wird und ein Blick ins internet oder ins Fernsehen, wo immer auch Musik aufgeführt wird, macht klar: es liegen meistens oder fast immer Kopien auf dem Notenständer."
Thomas Tietze
Nun ist wieder so ein Moment in der Popgeschichte, in dem die Sheet Music ein Thema ist. Becks Idee ist auf jeden Fall schon im Gespräch, auch wenn erst eine von 108 Notenseiten im Netz zu finden ist. Schon gibt es erste Interpretationen des Songs "Do We? We Do?" Und man muss nicht hellsehen, um zu wissen: Es werden noch einige Interpretationen folgen:

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