Bayern 2 - Zündfunk


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Der Rock'n'Roll-Detective Wie der größte Musik-Nerd aller Zeiten Wikipedia rettet

Er nennt sich "Rock’n’Roll Detective" und seine Kundenkartei ist ziemlich beeindruckend: die Beatles, außerdem die Familien von Roy Orbison und Buddy Holly. Jim Berkenstadt heißt dieser Mann aus Madison/Wisconsin, ein Jurist, Buchautor, Musikjournalist und vor allem - Sammler von Popwissen. Der Rock’n’Roll Detective gewährt im Zündfunk Einblicke in sein Detektivleben.

Von: Tobias Ruhland

Stand: 24.06.2017

Albumcover zu "Revolver" von den Beatles | Bild: EMI

Seit Anfang der 90er gibt es ihn, den Rock’n’Roll Detective Jim Berkenstadt. Wohnhaft in Madison, Wisconsin. Der Mann hat aus seiner Leidenschaft einen Job gemacht. Er liebt Pop und seine Geschichte. Der Typ hat auch ziemlichen Erfolg – dazu muss man nur kurz in seine Kundenkartei schauen: die Beatles, insbesondere George Harrison und seine Frau Olivia. Die Familien von Roy Orbison und Buddy Holly, mit der Band Garbage war er gerade schwer beschäftigt. Auch Regisseur Martin Scorsese hat schon die Dienste des Rock’n’Roll Detective in Anspruch genommen. Gerade hat er die Filmrechte für sein Buch „The Beatle Who Vanished“ verkauft. Erstmal müssen wir die Frage klären: Was macht eigentlich so ein Rock’n’Roll Detective? Unter anderem ist sein Job, oberflächliches und allzu oft falsches Wikipedia-Wissen über die Popkultur und ihre Protagonisten bekämpfen.

"Wikipedia ist schon nützlich, wenn man sich einen schnellen Überblick oder eine ungefähre Vorstellung von einer Person und deren Karriere verschaffen will. Das Problem ist aber: Jeder kann sich bei Wikipedia als Autor anmelden und aus Fakten und Wahrheiten Unwahrheiten machen. Das wird dann in die digitale Welt hinausgeblasen und von der Masse akzeptiert. Ein Beispiel: Mein Sohn ging mal mit dem Sohn des Rappers Ice Cube in die Schule, der inzwischen Schauspieler und Produzent ist. Laut Wikipedia hat Ice Cubes Sohn seinen Schulabschluss in Kalifornien gemacht. Tatsächlich hat er aber die Schule vorzeitig abgebrochen, hatte keinen Bock mehr, wollte lieber gleich mit seinem Vater arbeiten. Auf Wikipedia aber wird er als College-Absolvent gelistet. Wikipedia ist voll von diesen kleinen Fehlern und Ungenauigkeiten in so vielen Biografien"

- Jim Berkenstadt

Was den Rock’n’Roll Detective auch schon ziemlich beschäftigt hat - die Story des King of Rock’n’Roll, Elvis Presley. Ihr wisst schon, dieser Schmalzlockentyp mit dem Hüftschwung, der 1977 eben NICHT gestorben ist, wie vielfach behauptet, sondern nach wie vor ein heimliches, aber zufriedenes Leben an einer Tankstelle irgendwo in Mexiko führt. In Zeiten wie diesen, in denen Verschwörungstheorien wieder Hochkonjunktur haben, ist es umso wichtiger, dass es da einen wie den Rock’n’Roll Detective gibt, der da mal aufräumt mit solchen Geschichten.

Die Schätze lagern im geheimen Archiv

Das Archiv vom Rock’n’Roll Detective hat bisher nur eine Handvoll Leute betreten dürfen. Ein Lagerraum irgendwo in der Pampa von Wisconsin. Mehr verrät Berkenstadt an dieser Stelle nicht. Aber es ist ja auch gar nicht so wichtig, WO das Archiv ist, sondern vielmehr dass die richtigen Leute wissen, DASS es dieses Archiv gibt. Martin Scorsese zum Beispiel. Für seine Dokumentation „Living in the material world“ über George Harrison aus dem Jahr 2011 haben er und sein Team die Dienste den Rock’n’Roll Detective in Anspruch genommen und ihn mit allem möglichen Filmaufnahmen konfrontiert.

"Ist das neues, unbekanntes Material oder fangen die Beatles-Fans an zu gähnen, wenn sie das sehen, haben sie mich gefragt. Wir sind dann jeden Clip durchgegangen. Bei einer Szene wurde ich stutzig. Da sieht man George Harrison in einem TV Studio sitzen, wie er sich einen alten Beatles-Auftritt fürs englische Fernsehen anschaut. Ich sagte, das hier hab ich noch nie gesehen, aber ich wette, das war 1977. Bestimmt hat jemand diese Szene falsch abgespeichert und sie wurde deshalb nie im Fernsehen gezeigt. Der Typ glotzte mich an und fragte: Wie zur Hölle kannst Du das wissen?"

- Jim Berkenstadt

Vom Fan- zum Expertentum

Gute Frage. Berkenstadt ist ein Typ um die 60. Ursprünglich war er nur Beatles-Fan. Wie viele Millionen andere US-amerikanische Teenager. Sein Fantum wird zum Expertentum, er sammelt alles, was er über die Fab4 in die Finger kriegen kann. Ende der 80er schreibt er erste Bücher über Popgeschichte und beginnt mit dem Aufbau seiner inzwischen legendären Datenbank, die vor allem eben dank der Beatles über die Jahre so groß geworden ist. Also, noch mal die Frage an Jim: Wie zur Hölle kann er wissen, dass das exklusives, besonderes Filmmaterial von George Harrison ist?

"Erstens: George trägt in dieser Szene einen Pulli, den er außer im Video zu Crackerbox Palace nur selten trug. Da gibt’s nur ganz wenige Aufnahmen aus dem Jahr 1977 von George mit diesem Pulli. Zweitens: Wenn der Clip im Fernsehen gezeigt worden wäre, dann hätte ich ihn in meinem Archiv. Es wurde nicht gesendet und machte auch nicht die Runde in Fankreisen. Es wurde auch nicht geboot-legt. Irgendjemand hat diese Aufnahme in die falsche Filmrolle gepackt oder falsch beschriftet. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Und genauso wars. Ich konnte dem Scorcese Team sagen, ihr habt da frisches Material, das die Leute lieben werden. Am Ende landete diese Szene dann auch im Film."

- Jim Berkenstadt


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