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Rassismus in der Metal-Szene "Ich habe die Szene bislang immer sauberer gesehen"

Phil Anselmo, ex-Frontman der berühmten Band Pantera, hat auf dem Dimebash Festival in Kalifornien den Hitlergruß gezeigt und "White Power" gebrüllt. Ein Fan veröffentlichte das Video. Seitdem wird in der Metal-Community über Rassismus diskutiert - ein wohl lange verdrängtes Problem.

Von: Laura Freisberg/Michael Bartle

Stand: 01.02.2016

Phil Anselmo von Pantera macht den Hitlergruß auf Konzert | Bild: Screenshot YouTube-Video, hochgeladen von User Chris R

Das Video, auf dem Phil Anselmo am Ende seines Konzerts den Hitlergruß zeigt, bevor er von einem Kollegen in den Backstage-Bereich geschoben wird, kursiert seit ein paar Tagen im Netz. Der ex-Pantera-Frontmann hatte kurz nach der Veröffentlichung erklärt, dass sich sein Ausruf "White Power" auf den Weißwein beziehen würde, den es im Backstage Bereich zu trinken gab. Der Fan, Chris R, der das Video angewidert veröffentlicht hatte, bekam einen heftigen Shitstorm ab. In den Kommentaren wurde ihm sogar schon empfohlen, sich fürs Zeugenschutzprogramm anzumelden.

Am Wochenende bekam er dann Rückendeckung von einem anderen Musiker: Rob Flynn von der Band Machine Head. Die haben sich nicht nur den Backstage-Bereich mit Pantera geteilt – wo es übrigens überhaupt keinen Weißwein zu trinken gab – Teile der Band standen kurz vor dem Vorfall sogar noch mit Pantera auf der Bühne. Ein anderer Video-Mitschnitt von Phil Anselmos Auftritt zeigt, dass der Sänger auch während des Konzerts seinen rechten Arm nicht unten halten konnte. Reagiert hat darauf offensichtlich niemand.

Rob Flynn hat sich nun in einem Video an den ex-Pantera Sänger und die Szene gewandt um ein paar Sachen klarzustellen:

"Wir hatten eine ausführliche Diskussion innerhalb der Band, ob ich darauf überhaupt reagieren sollte oder nicht. Aber ich stand mit dir auf der Bühne als du während des Songs New Level den Hitlergruß gezeigt hast. Wie du es schon so oft getan hast. Und niemand sagt was dagegen, keine einzige Band. Ich habe auf Tour schon mit so vielen Leuten geredet und sie gefragt: Anselmo macht den Hitlergruß und formt mit den Lippen die Worte 'White Power' – warum reagiert ihr nicht? Und sie sagen: ey, ich liebe Pantera! Und außerdem: wer will sich schon mit Phil Anselmo anlegen? Genau, das ist es. Du bist ein großer, furchteinflößender Kerl. Aber genug ist genug."

Rob Flynn spricht Phil Anselmo auf YouTube direkt an

Das Video von Rob Flynn ist aber auch eine Kritik an der ganzen Metal-Szene – inklusive der Fans, die solche Vorfälle tolerieren:

"Nur in der Metal Community wird so etwas so abgetan – hätte Justin Bieber so etwas gemacht, würden Köpfe rollen."

Rob Flynn

Die Community diskutiert. Auch in Deutschland. Hier meldet sich die Gitarristin von Evanescence Jen Majura auf YouTube zu Wort. Sie erklärt, dass Rassismus im Metal keinen Platz hat. "Wenn Phil Anselmo wirklich so denkt, habe ich nur eins zu sagen: fuck you!"

Mittlerweile hat sich Phil Anselmo in einem Video entschuldigt und bei seinen Fans um eine zweite Chance gebeten.

Entschuldigung hin oder her - einfach nur daneben, findet auch Götz Kühnemund den Hitlergruß von Phil Anselmo. Er ist seit vielen Jahren als Journalist Beobachter der Metal-Szene. In Dortmund gibt er das Magazin deaf forever heraus. Im Zündfunk-Interview sagt er:

"Ich kenne Phil Anselmo ganz gut, ich hab ihn öfter interviewt und war sogar mit ihm auf Tour. Ich hab ihn eigentlich als netten und ganz witzigen Typen kennengelernt, der allerdings, das ist kein Geheimnis, immer schon große Probleme mit Drogen hatte. Und offensichtlich wieder hat. Wenn ich mir jetzt das Video ansehe und sehe mit welcher Aggression und mit welcher Macht er da "White Power" schreit, dann sieht man ja, dass er alles andere als nüchtern ist. Und mich schockiert, dass sich da überhaupt nichts geändert hat."

Dabei denkt man ja, dass die Metal-Szene eher unpolitisch ist. Die Frage, ob ihm dort schon öfter Faschismus und Rassismus aufgefallen ist, bejaht Götz Kühnemund:

"Das ist natürlich schon öfter passiert. Wir haben uns früher bei "Rock Hard" auch öfter politisch artikuliert und dafür Drohungen kassiert. Auch als wir uns jetzt mit unserem Magazin deaf forever pro Asyl geäußert haben, waren Drohungen in der Post, aber das ist unsere Einstellung und da lassen wir uns auch von Drohungen nicht einschüchtern.

Ich habe bislang die Metal-Szene immer als sauberer gesehen als andere Teile der Bevölkerung, aber vielleicht liege ich damit falsch. Vielleicht ist es ein Wunschdenken, dass es in der Metal-Szene mehr selbständig denkende Leute gibt als im Rest der Bevölkerung. Vielleicht muss man sich damit abfinden, dass es bei uns den gleichen Anteil an Rassisten und dummen Menschen gibt. Früher konnte man sagen: Heavy Metal ist eine Musikrichtung, die aus der Arbeiterklasse kommt, mit traditionell linken Werten. Da geht es um Freiheit und da geht es immer auch um den Kampf gegen das Establishment und nicht um den Kampf mit dem Establishment gegen Mindeheiten. Aber dieses Ideal: Arbeiterklasse = Subkultur = harte Musik, dass das nicht mehr stimmte, das hat vermutlich Anfang der 90er angefangen, als Metal und harte Musik im Mainstream angekommen waren.

Aber ich glaube schon, dass der Selbstreinigungsprozess in der Szene groß genug ist, dass der ganz ganz große überwiegende Teil der Szene auf der anderen Seite steht. Aber man darf das auf keinen Fall verharmlosen und sagen, da ist kein Problem aufgetreten."


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