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Next big thing mit Mitte 30 Kelela - endlich mal kein junges R'n'B-Sternchen

Kelela wird seit ihrem 2013er Mixtape "Cut 4 Me" als große R'n'B-Hoffnung aus den USA gehandelt. Die Gorillaz, Solange und Danny Brown haben sie als Feature-Gast auf ihre Alben geholt. Jetzt kommt im Oktober ihr Debütalbum "Take Me Apart" raus. Zeit für ein Porträt.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 15.09.2017

2013 war da auf einmal dieses Mixtape: "Cut 4 Me". 13 eigenwillige Songs. Zärtlicher R’n’B-Gesang über teils düsteren Dance-Tracks. Als hätte man Aaliyah mit einer Horde Underground-Produzenten ins Studio gesteckt. Aber Aaliyah – einer der größten R’n’B-Stars der 90er - ist schon lange tot. Dieser Sound stammte von Kelela. Sie gilt seit diesem Mixtape als die große neue R’n’B-Hoffnung aus den USA. Aber von vorne.

Kelela lebt in Los Angeles, aufgewachsen ist sie in der Nähe von Washington, D.C. Ihre Eltern stammen aus Äthiopien. Als Kind nahm ihre Mutter sie mit in die äthiopische Kirche, ihr Vater in Jazz-Clubs. Später sang Kelela selbst Jazz-Standards in Cafés. Dann probierte sie sich als Sängerin einer Indie-Band. Aber am Ende war es die elektronische Musik, die sie am meisten anzog. Über Myspace kam sie damals mit einigen Produzenten in Kontakt. Sie suchte sich Instrumentals und nahm ihren Gesang darüber auf. So kamen die ersten Gastauftritte und Songs zustande. Und dann wurde Solange auf sie aufmerksam – die Schwester von Beyoncé. Sie nahm Kelela schon 2012 mit auf Tour - und im letzten Jahr auch auf ihre gefeierte Platte "A Seat At The Table".

Als schwarze queere Frau im Musikbusiness

Kelela ist kein junges R'n'B-Sternchen, das merkt man ihr und ihrer Musik an. Wenn jetzt im Oktober ihr Debütalbum rauskommt, wird sie Mitte 30 sein. Sie hat sich Zeit genommen, sich zu entwickeln, nicht nur als Musikerin: als Mensch. Als schwarze queere Frau. Im Soziologie-Studium hat sie die Werke afro-amerikanischer Feministinnen wie Angela Davis gelesen. Zu verstehen wie die rassistische und sexistische Gesellschaft tickt, hat ihr geholfen, sich zu behaupten – im Leben und auch immer wieder in der Musik. Das spiegelt sich zwar nicht direkt in ihren Texten wider – hier geht es vor allem um Liebe und Beziehungen. Aber allein, dass sie jetzt kompromisslos diese Musik machen kann, war und ist harte Arbeit, erzählt sie im Interview. "Wenn ein weißer Typ ankommt und sagt, hey, ich hab da eine super Idee, ich weiß nocht nicht genau, wie’s klingen soll, aber es wird gut. Dann werden viele sagen, ja, klar, let’s do it. Das wird großartig. Aber wenn du eine schwarze Frau bist, heißt es immer reflexartig: weißt du wirklich, was du vor hast? Dass die Leute mal sagen würden: ja, ich vertraue dir, dass das gut wird, wenn du es sagst – das passiert nicht . Ein Großteil meiner Arbeit bestand also darin, mir ein gewisses Selbstvertrauen aufzubauen, um sagen zu können: so machen wir’s."

Kelela weiß, wie sie klingen will. Als 2015 der Song "Rewind" erscheint, von ihrer EP "Hallucinogen", nimmt die New York Times ihn in eine Liste auf: "25 Songs, die uns zeigen, wo die Musik in Zukunft hingeht". Bei Kelela heißt das: die Genzen des R'n'B werden weiter aufgebrochen. Bei ihr finden sich sowohl Anleihen von Grime, dem schnellen, harten Elektro-Rap aus London, als auch Trap, dem langsamen drogigen Hip-Hop-Sound aus dem amerikanischen Süden.

Greifbarer als FKA Twigs

Albumcover "Take Me Apart"

Kelela ist etwa zur selben Zeit in den Musikblogs hochgespült worden wie die Britin FKA Twigs, die auch für den "neuen", elektronischen R’n’B steht. Aber während FKA Twigs mit ihren dekonstruierten Sounds und ihrem gehauchten Gesang immer sehr ätherisch bleibt, ist Kelela allein durch ihre Stimme viel greifbarer. Und direkter: das ist Musik zum Tanzen und Sex haben. Schwül und zärtlich, aber auch stark. Die Songs auf ihrem Album "Take Me Apart" sind zwar poppiger als zuletzt auf EP und Mixtape. Was aber nicht heißt, dass sie es einem einfach macht – oder machen will. "Wenn jemand zum ersten Mal mein Album hört, dann würde ich mir wünschen, dass die Musik gleichzeitig ankommt, aber auch fordert. Das gibt ihr Tiefe, weil sie dich nicht ganz befriedigt, aber dich auch nicht loslässt."

Das Album "Take Me Apart" erscheint am 6. Oktober bei WARP.


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