Nachruf zu Terry Callier "The love we had stays on my mind"
Es war ein seltsames, in jeder Hinsicht kaum vorhersehbares Musikerleben, das Terry Callier geführt hat. Und das Happy End hat er gerade noch erleben dürfen: Junge Typen zwischen wie Michael Kiwanuka scheinen sich an ihn zu erinnern und seiner immer sehr freien Interpretation von Folk und Soul nach zu eifern. Ein Nachruf.
Callier wurde vor 67 Jahren in Chicagos geboren und ist in den dortigen Projects aufgewachsen, mit drei Jahren begann er, Klavier zu spielen, mit elf seine ersten Songs zu schreiben, ziemlich bald sang er in verschiedenen Doo-Wop Gruppen. Anfang der Sechziger wurde er bei einem kleinen Live-Gig von Chess Records Arrangeur Charles Stepney entdeckt, der 1962 seine erste Single produzierte. Drei Jahre später spielte Callier sein Debütalbum ein: „The New Folk Sound Of Terry Callier“ auf Prestige Records, das seine Seltsamkeit schon im Namen trägt: anders als sein ebenfalls aus Chicago stammender Freund Curtis Mayfield schrieb sich Terry Callier „Folk“ auf die Fahnen – vermutlich war dem Afroamerikaner der Soul der damaligen Zeit zu formelhaft. Eingespielt hat er die Platte als Trio mit zwei Bassisten, wie bei Coltrane abgekupfert, und einer Gitarre.
Terry Calliers Debüt LP hätte eigentlich 1965 erscheinen sollen, kam aber erst mit dreijähriger Verspätung auf den Markt, da sich Prestige-Produzent Samuel Charters zwischenzeitlich mit den Masterbändern nach Mexiko davongemacht hatte. Aus Ärger darüber wechselte Callier das Label und schrieb Songs für R’n‘ B und Soullabels wie Chess und Cadet. Am bekanntesten der Hit, den Terry Callier 1972 für die Dells schrieb: „The love we had stays on my mind.”
"What colour is love"
Nach diesem mittleren Hit wurde Terry Callier wieder für Chicago‘s Produzentenlegende Charles Stepney interessant, der drei der allerschönsten Callier-Alben aufnahm: „Occasional Rain“, „What colour is love“ und schließlich 1975 „I can‘t help myself". Alle drei ausladend arrangiert, als hätten Burt Bacharach oder Lee Hazlewood ihre Finger im Spiel. Alle sehr sophisticated gesungen, in gemachem Tempo und gedeckter Farbe, weder zu bedroom, noch zu funky und schon gar nicht psychedelisch, sondern einfach nur klassisch. So wie vielleicht der Philly-Sound, frühe Van Morrison Platten oder Pralinen klassisch sein können. Das großartigste Stück dieser Terry Callier-Phase ist das knapp 9 Minuten lange „Dancing Girl“, das sich auch auf Van Morrison’s „Astral Weeks“ LP nicht hätte verstecken müssen.
Allerdings: Nicht hip genug befanden die Käufer damals und Terry Callier hatte ein weiteres Mal Pech mit Verlag und Plattenfirma. Callier wurde gefeuert und erst einige Jahre später von Elektra gesignt, die ihn nicht besonders gut behandelten und ihn für die anrollende Discowelle flottföhnen wollten. Zwei eher mäßige Alben Ende der Siebziger sind Zeugnis dieses Mißverständnisses, das aber immerhin die Single „Sign of the times“ abwarf, ein cooler Discotrack, der 1979 in New York eine Saison sehr gut lief, mit dem Prince-Song aber gar nichts zu tun hat.
Unwegsame Zeiten
Aber auch dieser Halb-Erfolg half nicht wirklich: auch von seiner neuen Plattenfirma Elektra wurde Terry Callier wieder gefeuert. Kein guter Zeitpunkt für Callier, da sich plötzlich seine getrennt von ihm lebende Tochter meldete, die von San Diego zurück nach Chicago ziehen wollte, um dort auf die High School zu gehen. Allein erziehender Vater und Bohemien ohne Plattenfirma, das war für Terry zu viel. Eine Zeitlang tingelte er noch durch die Clubs, nahm in Eigenverantwortung noch ein paar Songs auf, warf dann hin, um an der University Of Chicago einen Lohn- und Brot Job als Techniker und Programmierer anzutreten. Ewigkeiten hat Terry Callier dann kein Studio mehr von innen gesehen, schon mehr als zehn Jahre sein Geld als Programmierer verdient, bevor er 1998 mit „Timepeace“ sein erstes Studioalbum seit 15 Jahren veröffentlichte. Zu verantworten hatte das Comeback Eddie Piller, der für sein Acid Jazz Label Terry Calliers 83er Single „I don‘t want to see myself without you“ 8 Jahre nach dessen Erscheinen wiederveröffentlichte. Sofort wurde die gesamte englische Acid Jazz-Blase auf unseren Mann aufmerksam, er wurde für einige Club-Gigs nach England geflogen, wo ihn schließlich Gilles Peterson für sein Talking Loud Label verpflichtet hat. Talking Loud war Terry Calliers fünftes Label. Seit 1991 tourte Terry Callier wieder durch kleinere Clubs – meist musste er dafür seinen ganzen Jahresurlaub an der Uni nehmen.
Dann wieder eine Wendung des Schicksals: Irgendwer musst Terry Calliers Album „Timepeace“ den Vereinten Nationen zugespielt haben – 1998 gewann er damit den „Time For Peace“-Award der UN für herausragenden künsterischen Einsatz für den Weltfrieden. Eigentlich eine tolle Sache, sein Arbeitgeber war allerdings anderer Meinung. Weil er seinem Arbeitgeber sein Doppel-Leben als Künstler und Programmierer immer verheimlicht hatte, wurde er von der Uni gefeuert. Immerhin konnte er den Rest seines Lebens von seiner Musik leben.
Am Sonntag, den 28. Oktober 2012 ist Terry Callier nach langer Krankheit in seiner Heimatstadt Chicago verstorben. Wir trauern.

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