Bayern 2 - Zündfunk


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Nachruf auf Lemmy Kilmister Der heilige Rock 'n' Roller

Nun ist sie also vorbei, die Never-Ending-Tour von Lemmy und Motörhead. Noch an Heiligabend feierte er seinen 70. Geburtstag. Kurz darauf starb Lemmy Kilmister an einer Krebs-Erkrankung. Unser Nachruf auf den Säulenheiligen des Rock'n'Roll.

Von: Michael Bartle

Stand: 29.12.2015

Lemmy Klimister, Sänger von Motörhead, ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Hier sieht man ihn auf dem Greenfield Festival 2015 in Interlaken/Schweiz | Bild: picture-alliance/dpa

"Jeden verdammten Abend beweisen wir, dass wir eine Rock'n'Roll-Band sind. Das motiviert uns. We are the real thing. Wir sind sind nicht nur fünf Typen, die ab und zu ins Studio gehen. Wir sind immer on the road. Da, wo eine richtige Rock'n'Roll-Band nun mal hingehört. Wir sind keine Heavy Metal-Band, keine behämmerte Trash Metal-Band. Wir sind eine Rock'n'Roll-Band, das waren wir immer und werden es immer sein."

Lemmy Kilmister

"Wir sind keine Heavy Metal-Band!"

Nun ist sie also aus und vorbei: die Never-Ending-Tour von Lemmy und Motörhead. Live hard and die fast. Kurz nach seinem 70. Geburtstag an Heiligabend ist Lemmy, einer der Säulenheiligen des Rock'n'Roll, verstorben. Ein kurzer und hoffentlich schmerzloser Tod - Ian Lemmy Kilmister hatte erst am 26.12. die Krebsdiagnose bekommen, zwei Tage später ist er in Los Angeles von uns gegangen. Vermutlich hatte er diese beschissene Krankheit einfach ignoriert und weitergemacht. Riff um Riff. Parole um Parole. Jedes Konzert von Motörhead begann unmissverständlich. Lemmy Kilmister schreit ins Mikro: "Wir sind Motörhead! Wir spielen Rock and Roll!"

"Musik kann nicht wirklich heilen. Meine Songs sind alle ziemlich zynisch. Es ist purer Spaß. Einen Song zu bauen bringt mir Glück. Ich versuche, Wortsport zu machen, wenn ich meine Lyrics schreibe. Manchmal haut es mich dabei vor Lachen vom Stuhl, wenn mich eine Zeile besonders umhaut."

Lemmy

Live hard and die fast

Zeilen, die einen umhauen, hat er uns in Massen beschert: "Killed By Death" ist so eine großartige, augenzwinkernde, kaum zu widerlegende Aussage. Oder die Aufforderung "Come on baby and eat the rich!"

Auch wenn er gerne damit kokettiert: Ein Working Class Hero war Lemmy eigentlich nie. Das Christuskund des Rock'n'Roll wurde an Heiligabend 1945 im englischen Burslem, einem Stadtteil von Stoke-On-Trent, als Sohn einer Bibliothekarin und eines Kaplans geboren, der allerdings die Familie im Rock'n'Roll-Style kurz nach Lemmy's Geburt verließ. Das brachte Lemmy einen neuen Stiefvater, den Profifußballer und späteren Fabrikbesitzer George Willis - aber keinen Schulabschluss. Mit 15 beendete er seine kurze Schulkarriere, mit 16 machte er die Biege aus dem Elternhaus, heuerte in Manchester bei ersten Bands an - unter anderem als Gitarrist bei "The Rainmakers" und "Rev Black and The Rocking Vickers".

1967 zog Lemmy weiter nach London, wo er unter anderem als Roadie von Jimi Hendrix das Rock-Business noch besser kennenlernte - und seine Restjugend als noch nicht ganz so Whiskey-knarzender Sänger der kurzlebigen Band "Sam Gopal" verschwendete. Auf Songs wie "Ecalator" konnte man schon den Space Rock ganz gut vorhören, den Lemmy dann mit der unfassbar guten, aber oft sträflich unterschätzten Band "Hawkwind" machen würde.

Welcome To The Silver Machine

Als bei der Spcae Rock Combo "Hawkwind" 1971 urplötzlich der Job des Gitarristen und Bassisten frei wurde, machte sich Lemmy Hoffnungen auf den ruhmreichen Job als Hawkwind-Gitarrist. Man wollte ihn aber nur als Bassist - und Gelegenheitssänger. Das aber war ein Volltreffer: Hawkwind, eine der ersten Bands, die Hardrock mit Acid und Psychedelica vermischten, hatten nun einen finalen Speed King an Bord, der nicht nur gütig bekiffte Poncho-Musik machen wollte, sondern so richtig auf die Pauke haute.

Die Band verdankt Lemmy und seiner Stimme auch ihren größten Hit: Silver Machine, ein Song für den Kevin Parker von Tame Impala auch heute noch all seine Keyboards verkaufen würde, rauschte bis auf Platz 2 der britischen Charts. Das gelang der Band niemals zuvor und nie mehr wieder. Die einzige Konstante bei Hawkwind war ohnehin das ständige sich drehende Personen-Kettenkarussell. Mitglieder kamen und gingen, die meisten, weil sich ihr Drogenkonsum nicht wirklich mit einer disziplinierten Bandroutine vertrug.

Auch Lemmy wurde 1975 rausgekegelt, bei einer Kanada-Tour hielt er die Band zu lange auf, weil der Zoll bei dem Speed Freak zu viele Drogen fand. Lemmy rächte sich auf seine Weise: Er gründete seine eigene, viel erfolgreichere Band und nannte sie nach dem letzten Song, den er für Hawkwind geschrieben hatte: Motörhead. Und drosch dort seinen Bass wie eine Rhythmus-Gitarre.

It’s only Rock’n’Roll, but I like it

22 Alben lang hat Motörhead den Rock'n'Roll druckbetankt, ohne Spoiler, Haargel und Föhn. Man muss nicht alle Platten besitzen, aber der furztrockene Wirbelwind-Sound ist so - pardon - alleinstellungsmerkmalig wie bei nur wenig anderen Bands. "Ace Of Spades", "Motörhead", "Eat The Rich", vielleicht haben das nur AC/DC, ZZ Top, Public Enemy und die Ramones so trademarkig hinbekommen wie Lemmy's Speedfreaks.

"Völle Dröhnung - Lemmy, Phil, Mikkey" - Tattoo auf dem Arm eines Motörhead-Fans 2014

Überhaupt - die Ramones und der Punkrock: Davor hatte Lemmy durchaus Respekt, er hat "God Save The Queen" gecovert und den Ramones einen gleichnamigen Song gewidmet. Und mit den Ramones und St. Pauli hatten Motörhead noch etwas gemeinsam: Obwohl alle voller Verachtung dem Turbokapitalismus mit seinen Konsens-Verwertungsketten immerzu in Sound und Haltung ein verächtliches "Go Fuck Yourself" entgegengeschleudert hatten, haben sie diese Logik doch sehr smart bedient. Denn Motörhead-Shirts sind genau wie der Ramones-Schriftzug und der St. Pauli-Totenkopf der Renner unter den Piraten-Devotionalien.

Der Sound: alleinstellungsmerkmalig

Am 28. Dezember hat Lemmy nun die lange Autobahnausfahrt genommen, nicht auf der Bühne, wie er sich das immer gewünscht hatte. Sondern "Killed By Death", erledigt vom Krebs, einer besonders finsteren Macht, der auch er nicht gewachsen war. Wir werden ihn sehr vermissen. Und bis auf weiteres den Ratschlag seiner Bandmitglieder befolgen:

"Spielt Motörhead laut, spielt Hawkwind laut, spielt Lemmys Musik LAUT. Habt einen Drink oder mehrere. Teilt Geschichten. Feiert das LEBEN, das dieser liebenswerte, wundervolle Mann selbst so lebhaft gefeiert hat."

Motörhead auf Facebook

Wir fangen heute Abend damit an:

Nachruf auf den heiligen Rock 'n' Roller

Wir senden am 29.12. ein Lemmy-Special: Um 19.05 Uhr feiern Roderich Fabian und Michael Bartle im Zündfunk auf Bayern 2 eine Stunde sehr laut Lemmy. Schaltet ein!


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