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Designer John Pasche Die Zunge der Stones

London, 1970. Kunst-Student John Pasche wird ausgewählt, ein Plakat für die Rolling Stones zu gestalten. Mick Jaggers Begeisterung für eine Zeichnung der indischen Göttin Kali verwandelt Pasche in das Markenzeichen der Stones: die rausgetreckte Zunge von Kali.

Von: Michael Bartle Stand: 12.07.2012

Anruf bei dem Mann, der als Student die weltberühmte Zunge der Stones erfunden hat.

Gäbe es die Rolling Stones heute immer noch, hätten sie noch etwas zu sagen ohne ihre Zunge?

"Das glaube ich schon, aber dass es sie und die Zunge immer noch gibt, hätte ich damals nicht gedacht, dass beide immer noch populär sind."

Designer John Pasche

Wie kam es, dass ausgerechnet Sie die Zunge designen durften, Sie waren ja damals noch Student. Kamen die Stones damals auf Sie zu?

"Sie kamen 1970 auf mein College zu, ich war damals am Royal College for Arts in London. Das Büro der Stones rief bei uns an. Sie wollten, dass wir einen Studenten schicken, der an ihren Tourposter mitarbeitet. Und da wurde ich ausgewählt. Ich hatte dann ein Meeting mit Mick Jagger in seinem Haus. Er war da gerade begeistert von einer Zeichnung, die er in einem indischen Laden an seiner Straßenecke Kiosk gesehen hatte. Ein Bild der indischen Göttin Kali. Sie müssen wissen, dass indische Kultur zu der Zeit gerade sehr hip war. Aber als er mir das Bild zeigt, dachte ich mir, das Indische passt nicht so recht zu den Stones. Dann hab ich nochmal genauer hingesehen und diese kleine Zunge bemerkt, die aus ihrem Mund heraushing. Und da kam mir die Idee. Vielleicht könnte ich eine andere Zunge designen – denn die Zunge symbolisierte für mich Rebellion, Protest, das ganze Anti-Autoritäre jener Zeit. Kinder strecken ja die Zunge heraus, wenn ihnen was nicht passt. Ich hab mich dann an die Arbeit gemacht, eine Woche lang verschiedene Entwürfe aufgeichnet, und sie dann den Stones gezeigt. Eine hat ihnen eben besonders gefallen und damit war das Artwork geboren."

J. Pasche

Die Zunge sollte also eher Protest symbolisieren und nicht Mr. Big Mouth Jagger?

"Das stimmt, sie waren ja die bösen Jungs des Rock’n'Roll und die Zunge sollte genau das verkörpern. Ich fand es interessant, dass Mr. Jagger ein Logo wollte, das ohne Schrift funktioniert, für sich selbst steht - ohne, dass Stones drauf stehen muss. Und es scheint auf vielen Ebenen zu funktionieren. Und es passt natürlich auch ganz gut zu seinem Großmaul..."

J. Pasche

Zu der Zeit hatte ja nicht jede Band ein Logo, damals war eine Logo doch etwas komplett Neues. Die Beatles oder The Who hatten vielleicht einen Schriftzug auf ihrem Schlagzeug und das war's, oder?

"Die meisten anderen Logos waren nur ein Schriftzug mit dem Namen der Band, die Zunge war schon einzigartig. Als erstes haben wir es 1971 auf der Innenhülle vom Sticky Fingers Album verwendet. Und weil es den Leuten so gut gefallen hat, haben wir die Zunge dann auch auf T-Shirts und andere Merchandise-Sachen gedruckt und sie wurde größer und größer."

J. Pasche

Wie war es für Sie, plötzlich als Student das Logo für die größte Band entworfen zu haben?

"Nun, ich hab für die Stones von 1970 bis 1974 gearbeitet, irgendwann war ich in England verantwortlich für das Artwork für 'Sticky Fingers'. Und stimmt, es fing an als kleines, unwichtiges Gimmick. Und dann wurde es ein richtiger Teil der Stones!"

J. Pasche

Haben Sie auch den berühmten Reißverschluss gemacht auf dem "Sticky Fingers"-Cover?

"Nein, das war Andy Warhol. Das war Mick Jaggers Entscheidung, er wollte dieses Cover, mit meinem Logo hatte das nichts zu tun."

J. Pasche

Das hat dann auch dazu geführt, dass viele dachten, Warhol sei auch der Schöpfer der Zunge gewesen. Eine Ehre für Sie oder hat Ihnen das gestunken?

"Nein, das hat mir natürlich zunächst geschmeichelt. Ein Werk von mir ein echter Warhol! Aber mittlerweile wissen die meisten Leute wohl, dass die Zunge von mir ist und nicht von Warhol."

J. Pasche

Haben die Stones Sie mit Geld zugeschüttet, hat die Zunge sie reich gemacht?

"Zunächst war das für mich kein großes Geschäft. Sie haben mir 50 Pfund dafür bezahlt. Ein paar Jahre später haben sie noch ein bisschen nachgelegt. Rentiert hat es für mich erst, als die Stones die Zunge als eingetragene Marke registrieren haben lassen. Wann immer auf der Welt ein Merchandise-Artikel mit der Zunge verkauft wurde, habe ich ein paar Prozente bekommen. Und vor vier Jahren konnte ich das Original -Artwork an das Victorian Albert Museum in London verkaufen, das hat nochmal 50 000 Pfund eingebracht. Am Ende hat es sich also doch ein wenig rentiert!"

J. Pasche

Der Job hat aber ihre Karriere in Gang gebracht, nicht? Sie haben später auch noch eine ganze Menge Albumcover gemacht, für Fischer Z und viele andere.

"Ja, das stimmt - auch wenn es sich so anfühlt, als hätte ich ganz oben angefangen im Musikbusiness und mich dann nach unten durchgearbeitet. Na ja, ganz so schlimm ist es auch wieder nicht. Ich habe danach eine ganze Menge Aufträge bekommen und wurde später auch noch Creative Director bei United Artists und bei Chrysalis Records. Es wurde also doch noch eine ganz okaye Karriere, auf jeden Fall eine, die mir sehr viel Spaß gemacht hat."

J. Pasche

Wenn Sie jetzt nochmal für die alternden Stones ein Logo zeichnen müssten, mittlerweile sind sie ja Opas, was wäre es dann - ein Rollstuhl?

"Nee, das interessante an den Stones ist doch, dass sie schon so lange im Geschäft sind und sich weder ihr Sound noch sie als Personen groß verändert haben. Sie sind immer noch gut. Vor zwei Jahren habe ich wieder ein Konzert von ihnen gesehen, es war immer noch fantastisch - sie hatten immer noch fast die gleiche Energie."

J. Pasche

Dann vielleicht eine Batterie als Logo?

"Das könnte gehen!"

J. Pasche


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