Bayern 2 - Zündfunk


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40 Jahre Superhit: Giorgio Moroder im Interview Wie "I Feel Love" Bayerns berühmtester Pop-Song wurde

Anfang Juli 1977 kam Donna Summers futuristischer Disco-Hit "I Feel Love" raus. Nicht nur wir sind Fans - auch David Bowie liebte den Sound. Zum 40. Geburtstag des Songs hat der Zündfunk mit dem Produzenten gesprochen: Giorgio "Mr. Munich Disco" Moroder.

Von: Ralf Summer

Stand: 05.07.2017

Donna Summer | Bild: picture-alliance / dpa

Anfang Juli 1977 kam er raus, Donna Summers Song "I Feel Love". Aufgenommen wurde er im Münchner Musicland Studio, unter dem Arabella-Hotel, allerdings wurde das Studio Ende der 80er auch aufgelöst. Das Stück dagegen ist noch lebendig. Wir haben den Produzenten, Giorgio "Mr. Munich Disco" Moroder angerufen.

Zündfunk: Herr Moroder, war Ihnen damals klar, was mit "I Feel Love" gelungen war?

Giorgio Moroder: Pete Bellotte, mein Co-Produzent, und ich werden oft gefragt, ob wir wussten, dass wir mit "I Feel Love" einen Riesenhit gelandet haben. Nein, haben wir nicht. Ich erinnere mich, dass wir das Lied Neil Bogart vorspielten, unserem Label-Boss von Casablanca Records in Los Angeles. Er fand es ganz gut, aber absolut nicht speziell. Doch er bat mich, einen neuen veränderten Mix anzufertigen. Das hat "I Feel Love" bestimmt geholfen. In England schlug es sofort ein, in den USA erst später. Es war eine gute Zeit. Beinahe alles mit Donna gelang uns damals.

Wie wichtig war denn der Sound aus dem Moog-Synthesizer - Sie mussten ihn sich damals extra vom Münchner Komponisten Eberhard Schoener ausleihen?

Das stimmt. Aber ich hab schon 1971 einen Song mit dem Moog gespielt: "Son Of My Father". Es war das erste oder zweite Pop-Stück mit dem Moog überhaupt. Danach setzte ich ihn immer wieder ein. Irgendwann hatte ich die Idee, einen Song aufzunehmen, auf dem alle Spuren mit dem Teil eingespielt werden. Viel von der Arbeit für "I Feel Love" stammt von Robby Wedel, dem Assistenten von Schoener, den ich auch gleich mit angemietet habe. Er leistete tolle Arbeit! Die Mysterien des Moogs hat er sehr gut beherrscht.

Giorgio Moroder

Wie gelingt es jemandem wie Ihnen, der kein Tänzer ist, einen solchen Hit zu zaubern? "I Feel Love" wurde schon als bester Disco-Song aller Zeiten gekürt.

Ich bin zwar kein Tänzer, habe aber wohl das Gefühl vom Rhythmus im Körper. Ich war vor Kurzem bei einem Konzert von Hans Zimmer in Zürich. Da fiel mir auf, dass ich der einzige war, der immer mitwippte - mit den Füssen und dem Kopf. Außenrum bewegte sich niemand zur Musik. Ich muss zwar nicht tanzen, aber ich fühle den Groove.

Den Text zu "I Feel Love" schrieben Donna Summer und Pete Bellotte. Angeblich entstand er, als sich Donna frischverliebt aus einer alten Beziehung löste und ihren (letzten) Ehemann kennenlernte, nachdem ihr Astrologe in den USA dazu grünes Licht gab.

Das höre ich zum ersten Mal. Aber es stimmt: Die Sterne und der Glaube waren ihr immer sehr wichtig. Kurz vor ihrem Tod (2012) redeten wir nochmal über den Song. Da erzählte Donna mir, dass sie bei dem Text nicht so viel nachgedacht habe. Sie meinte damals, sie hätte es einfach so rausgesungen, "Oh I feel love, I feel love", ohne große Gedanken.

Die Arpeggios des "I Feel Love"-Synthies gelten als die überfällige Brücke von Disco zu Kraftwerk. Wissen Sie, dass der Track heute als Blaupause für Techno gilt?

Nun ja, die Idee für Donnas 77er Album war: Pete und ich schreiben ihr für jedes Jahrzehnt einen Song - für die 40er, 50er, 60er, 70er und die Zukunft. Und der Song für die Zukunft war eben "I Feel Love".

Der britische Autor Simon Reynolds hat "I Feel Love" nun in einem Atemzug mit anderen "Future Shock"-Songs genannt: "She Loves Me" von den Beatles, "Anarchy In The UK" von den Sex Pistols oder "Rapper's Delight" von der Sugarhill Gang. Auch "I Feel Love" wäre seiner Meinung nach eines jener seltenen Lieder, das für einen popkulturellen Quantensprung steht.

Giorgio Moroder, Metropolis Festival - Dublin, 2015

Wie gesagt, das haben wir im Studio gar nicht so wahrgenommen. Aber David Bowie hat mir später mal erzählt, dass er während seiner Berlin-Jahre im Studio saß und sein Produzent Brian Eno mit dem "I Feel Love"-Vinyl in der Hand herein kam und zu ihm meinte: "David, wir können aufhören nach dem Klang der Zukunft zu suchen, dieser Moroder hat ihn mit 'I Feel Love' schon entdeckt'."

Der Song war zweimal in den Charts. Erst in der kurzen Radio-Version, später im langen Disco-Mix. Aber richtig Kult wurde der 15-Minuten-Mix von Patrick Cowley, der in Schwulenkreisen ankam.

Donna hatte schon davor in Schwulenkreisen viele Fans. Spätestens seit "Love To Love You Baby". Das kam nicht erst durch die langen "I Feel Love"-Versionen. Patrick Cowleys Bootleg-Version war ein guter Remix, aber ich denke unser Song war schon davor ein Hit.

Daft Punk haben 2013 mit ihnen "Giorgio by Moroder" aufgenommen. Sie legen nun mit über 70 als DJ auf. Welche Ideen haben Sie für die Zukunft?

Als mich Daft Punk damals trafen, war auch mein Sohn dabei, ein großer Fan der beiden. Im Studio sollte ich dann für den Song einfach mein Leben nacherzählen. Zur Zeit bereite ich gerade spezielle Konzerte vor. Ich will mit einem Best Of Moroder-Programm auf Tour gehen, zusammen mit einem Orchester aus 25 bis 30 Musikern. Vielleicht werde ich auch mit einem Instrument auf der Bühne stehen. Es geht bald los, am 30. September in Turin im OGR - in einer alten Fabrik, die nun für Kultur genutzt wird. Eintritt frei. Damit will ich auch nach München kommen. Das wird meine Arbeit für die nächsten zwei, drei Jahre.

Zum Geburtstag von "I Feel Love" haben wir eine Playlist zusammengestellt - Best Of Moroder, mit Songs, die "Mr. Munich Disco" geschrieben, produziert oder gemixt hat.


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