Bayern 2 - Zündfunk


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Damals nur auf Kassette - JETZT! auf Platte Wie die Band JETZT! der Hamburger Schule den Weg bereitet hat

Jochen Distelmeyer, Frank Spilker, Bernadette La Hengst und Bernd Begemann begannen allesamt in dem 50.000-Einwohner-Ort Bad Salzuflen in NRW ihre Karriere. Ein Talent von damals hat es nie zum Album gebracht: Michael Girke, der Kopf von "JETZT!". Nun ist sein Debüt mit den Songs von damals da.

Von: Ralf Summer

Stand: 31.07.2017

Die Band Jetzt! aus Bad Salzuflen gelten als die Begründer der "Hamburger Schule" | Bild: Andrea Brehme

"Meine stille Generation" - mit diesem losrockenden Stück beginnt eine der interessantesten deutsch-sprachigen Platten des Jahres. Der Titel ist eine Anspielung an das stolze "My Generation" von The Who. Hier ist es aber eher als Selbstanklage gemeint. Wenn man die 16 Lieder von JETZT! hört, kann man nicht glauben, dass sie rund 30 Jahre alt sein sollen. Sie sind entstanden, als Neue Deutsche Welle und der Deutsch-Punk vorbei bzw. durch waren - und die Hamburger Schule noch nicht da. Michael Girke war Sänger und Gitarrist von JETZT! und agierte nicht nur im musikalischen, sondern auch im geographischen Niemandsland. Bad Salzuflen, Kneipp-Kurort und "Allergiker-freundliche Kommune", Bad Salzuflen bei Bielefeld, das es bekanntlich ja gar nicht gibt. Er hörte vor allem englische Bands wie The Jam, The Clash oder The Smiths - aber er sang deutsch.

"Liebe in grossen Städten (1984-1988)" heißt das 30 Jahre zu spät erscheinende Debüt von JETZT!. Entstanden sind seine Lieder also zu einer Zeit, als in England Margaret Thatcher den Umbau der Industrie- in die Dienstleistungsgesellschaft vorantrieb - unter Ausschaltung der Gewerkschaften - und so dem Neoliberalismus Tür und Tor öffnete, wie Girke heute sagt. Während West-Deutschland für ihn damals unter einer politischer Dunstglocke lag.

"Die Jahre von Helmut Kohl, so habe ich das empfunden, waren nach den bewegten 60er- und 70er Jahren, politischer Stillstand, absolute Bewegunglosigkeit - bis 1989, bis zur Wiedervereinigung. Und in meiner Generation habe ich eine gewisse Entpolitsierung festgestellt."

Michael Girke

Blumfeld haben es auf ihrem berühmten, romantischen "Old Nobody"-Album gecovert - "Kommst du mit in den Alltag?" im Original auf Kassette 1987 erschienen - geschrieben von Michael Girke und Mijk Van Dijk, der später als Techno-Produzent in Berlin bekannt werden sollte. "Kommst du mit in den Alltag?" ist nicht nur der bekannteste Song aus seiner Feder, er zeigt auch die Stärken von Michael Girke: ihn beschäftigt Politisches und Privates gleichermaßen. Wenn er singt "Nieder mit den Umständen! Es lebe die Zärtlichkeit!" will er das System naiv mit Liebe bekämpfen: "Ja, das ist total wichtig, politische Kunst zu machen. Aber ist nicht auch das Private wichtig? Die Liebe, die Gefühle. Wie schön es ist, wenn es das auch gibt, wenn es jemanden gibt, wenn man darüber sprechen kann", erzählt Girke.

Der Songschreiber litt an der Provinz: an Herzschmerz und Kleinstadt-Langeweile. Auch an zu wenig Kultur - vor allem zu wenig guter Musik. Von der Schlechten gab es genug im Bad Salzuflen der 80er. In "Es war einmal in Deutschland" singt er, dass er sich vorstellen kann, wegen Volksmusik im Fernsehen zu töten. Und die Schlagerfuzzis sollen gleich mit sterben. "Rio Reiser wo bist du, Peter Hein wo bist du, Hildegard Knef wo bist du - Ralph Siegel wann stirbst du?" - harter Text des jungen Michael Girke. Heute spielt Musik kaum mehr eine Rolle. Girke ist Kurator, Dozent und Autor für Film und Literatur. So wie er damals textete, wird auch heute noch im deutschsprachigen Indie-Pop getextet.

Ein weiteres Beispiel für die nahezu zeitlosen Lyrics von Michael Girke von damals: "Das Dorf am Ende der Welt" von JETZT! wurde später von Bernadette La Hengst gecovert - auch sie war Teil des "Fast Weltweit"-Labels in Bad Salzuflen Ende der 80er. Neben Frank Spilker und Thomas Wenzel, beide heute bei "Die Sterne". Auf dem zweiten Mixtapes des DIY-Labels aus NRW waren auch "Die Bienenjäger" dabei - die erste Gruppe von Jochen Distelmeyer, später Blumfeld.

Wir kennen Schatz-Ausgrabungen verschollener Platten aus internationalen Genres wie Afro, Soul oder Reggae - aber dass es auch bei uns so eine Entdeckung gibt, ist schon selten. Die Geschichte der "Hamburger Schule" muss aber nicht umgeschrieben werden, sagt einer, der es wissen muss: der Blogger Motorhorst aus Bayreuth ist großer "Hamburger Schule"-Fan. Sein Ziel ist ein Buch über Bad Salzuflen zu schreiben. Er hört die "Liebe in grossen Städten" von JETZT! gerade rauf und runter und meint: "Es macht schon einen Unterschied, ob man die ganzen Jahre nur irgendwelche Schnipsel kannte oder sie jetzt am Stück hört, auch wenns vielleicht nicht so gedacht war. Es ist halt wieder ein Puzzle-Teil, das gefehlt hat und nun endlich der Allgemeinheit zur Verfügung steht."


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