Bayern 2 - Zündfunk


60

Der Grönemeyer-Komplex Deutschland, deine singenden Schauspieler

Jetzt auch noch Tom Schilling! Der Berliner setzt mit seiner neuen Platte eine Seuche fort, die nicht totzukriegen ist: Obwohl nur selten erfolgreich, wollen viele deutsche Mimen unbedingt Platten machen und auf Tour gehen - das muss doch nicht sein!

Von: Roderich Fabian

Stand: 04.05.2017

"Und wenn mein Kopf schwer wie Eisen ist und die Lider schwer wie Blei, wirst du mich tragen? Ja oder nein?", so singt Tom Schilling, in diesem Fall mit der Quietschmaus Annett Louisan und mit einer Band, die er die Jazz Kids nennt. Obwohl auf dem Album "Vilnius" zwar vieles zwischen Schlager und Rockpop zu hören ist, aber keine Spur von Jazz. Das darf er alles natürlich und dass Schillings Prominenz hilft, sich auch mal seine Musik anzuhören, beweist allein schon dieser Beitrag. Tom Schilling ist ein recht cooler Schauspieler. Aber als Sänger macht er das, was die meisten seiner weniger coolen, aber singenden, Kollegen auch machen: Quasi-poetische, gewollt bedeutungsschwangere Texte zu getragener - um nicht zu sagen abgetragener - Rockpop-Musik zu verbreiten.

Wieso eigentlich nicht? - Deswegen!

Katja Riemann singt im Song "Tot wie ein Stein" vom Liebesleid: "Die Seele ganz gebrochen, heimgekehrt. Ich habe kein Gefühl mehr, ich habe kein Gefühl mehr für dich." Gehobener Herzschmerz ist ein zentrales Thema singender Schauspieler. Im zur Schau stellen von tiefster Zerknirschung bleibt der Mime in seinem Element, nämlich Gefühle zu simulieren, die er im Moment eigentlich nicht hat. Das aber ist ein Missverständnis, denn in der Musik sollte es gar nicht darum gehen, so zu tun als ob.

Ben Becker fühlt es.

"Ich bin traurig, melancholisch… ich bin einsam, melancholisch, fühle mich krank, fühle mich krank." Ach komm, Ben Becker, nicht wirklich, oder? Egal welcher Schauspieler singt, es klingt immer aufgesetzt und falsch. Selbst wenn man nicht auf abgehangenen Rockpop setzt, sondern avantgardistischere Töne anschlägt wie Ben Beckers Schwester Meret, die selbstverständlich auch singt, sogar mit Blixa Bargeld: "Ihr stürmt an das Haus von Liebe und Wein, die Gläser zerschlagen, die Sprüche: ich bin dein."

Es ist immer furchtbar, aber es hört nie auf. Von Sophie Rois bis Robert Stadlober, von Schweighöfer bis Liefers - sie singen sich um Kopf und Kragen, aber sie können es nicht einfach bei ihren Erfolgen als Schauspieler belassen. Auch wenn fast alle scheitern, denn Schauspieler sind als Sänger nur ganz selten erfolgreich. Irgendwo im Hinterkopf brummt der Grönemeyer-Westernhagen-Komplex. Beide haben als Schauspieler angefangen und sind dann veritable deutsche Popstars geworden und zwar mit bedeutungsschwangerem Rockpop. Das im Hinterkopf, verleitet es sogar diverse Tatort-Kommissare dazu, ans Mikrophon zu treten - wie Axel Prahl: "In meinem Traum warst du ein Königskind und ich war dein Pferd, das stets getreu dich durch das Leben trug."

Die Bretter, die nicht eure Welt bedeuten

Ich weiß, jetzt wird’s langsam ganz, ganz hart, aber der musste noch sein: Axel Prahl singt von seinem Traum. Und dieser Traum ist anscheinend, in diversen Künsten ein Star zu sein. Denn wenn es eine Eigenschaft gibt, die die meisten Schauspieler teilen, dann ist es die Eitelkeit. Es reicht anscheinend irgendwann nicht mehr, von der Supermarkt-Kassiererin erkannt zu werden, man möchte dazu auch noch den Jubel eines enthusiasmierten Live-Publikums, den Mega-Star-Status. Aber diese Träume sind kein Grund, uns diese spießige Betroffenheitslyrik aufzudrängen. Aber ich weiß schon, da spukt dann auch noch der Hollywood-Traum durch die Schauspieler-Köpfchen: "Don't dream it, be it" oder um es mit Ulrich Tukur zu sagen: "Ach, wären meine Träume doch nur einmal Wirklichkeit."


60