Jüdische Spuren in der Popgeschichte Choose Jewish
Judentum und Pop? Da denken wir an Klezmer und jiddische Folklore, vielleicht noch an Anatevka und Tewje, den Milchman aus dem Musical. Dabei ist gerade die amerikanische Popkultur der vergangenen hundert Jahre nicht denkbar ohne die Beiträge jüdischer Künstler.
Ob nun die Filme von Billy Wilder bis Woody Allen oder die Musik: von Barbra Streisand bis Lou Reed, von Leonard Cohen zu den Beastie Boys, von Carole King bis Bob Dylan.
„Judentum und Popkultur“ ist der Titel eines Buches von Caspar Battegay, Dozent am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel. Warum ausgerechnet Popkultur?
"Die These des Buches ist die, dass die Popkultur die Sphäre in der westliche Kultur ist, in der es immer schon so war, dass Identität etwas ist, dass man darstellen muss. Man ist nicht einfach etwas, man ist immer das, als was man erscheint."
Caspar Battegay
Wer Jude ist und wer nicht, wer gar "Halbjude" oder "Vierteljude" ist, darüber entscheiden in der Geschichte oft genug diejenigen, die Juden hassen, sie verfolgen und ermorden. Sich gegen solche Zuschreibungen zu wehren, dabei hilft die Popkultur, meint Caspar Battegay.
"Es gab ein Unbehagen, weil ich denke, dass es in Europa und speziell in Deutschland das Bedürfnis gibt, das Judentum immer noch als etwas essenziell Festgeschriebenens zu betrachten, und ich glaube, dass die amerikanisch geprägte Popkultur, also nicht nur der Mainstream, auch die Subkulturen, vieles in Frage stellen, das war der Impuls beim Schreiben dieses Büchleins."
Caspar Battegay
Einem der populärsten Juden des Pop widmet Battegay in seinem Buch gleich ein ganzes Kapitel: „Die Gespenster des Leonard Cohen“. Darin weist er nach, wie viel die Songs des Leonard Cohen mit seiner jüdischen Herkunft zu tun haben. Das Album „New Skin For The Old Ceremony“ von 1974 ist diesbezüglich besonders ergiebig. Der Song „Who By Fire” etwa basiert auf der Liturgie der Feiertage Jom Kippur und Rosh HaShana, und greift im Text entsprechende Motive auf. Auch der erste Song des Albums thematisiert jüdische Geschichte. „Is This What You Wanted“ enthält die folgenden Zeilen:
"Du warst Jesus Christus, mein Gott, und ich war der Geldverleiher, du warst die empfindsame Frau, ich der altehrwürdige Freud"
Leonard Cohen, in Is This What You Wanted
Der Geldverleiher und Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, ein jüdisches Stereotyp und ein berühmter jüdischer Wissenschaftler – beide Zielscheiben antisemitischer Hetze. „In diesem Sinne sind Freud und der Geldverleiher archetypische Figuren einer desillusionierten Welt.“ Schreibt Caspar Battegay und erläutert:
"Es ist interessant, dass er in Europa anders auftritt als in Israel. 2009 hatte er ein Konzert bei Tel Aviv, dort sprach er am Ende einen hebräischen Segensspruch und das Publikum antwortete mit Amen, was ja zu seinem Namen Cohen, also Hohepriester, passt. Vor einem jüdischen Publikum sieht er sich als eine Art Pop-Priester. Und das schon seit den Siebziger Jahren."
Caspar Battegay
Bei aller Popularität von Leonard Cohen werden die jüdischen Motive seiner Lieder „säuberlich“ ausgeklammert, so Caspar Battegay. Offenbar besteht Säuberungsbedarf bei vielen Deutschen, das Verdrängte möge doch bitte verdrängt bleiben. Battegay weiter:
"Das wird in Deutschland kaum wahrgenommen. Das hat sicher mit Unwissen zu tun, aber es hat auch tiefergehende Gründe. Cohen ist nicht nur ein universell applizierbarer Melancholiker und Erotiker, das ist er auch, aber nicht nur. Ich glaube das liegt daran, dass das selbstverständlich Jüdische, ignoriert wird. Juden, das sind die, die im KZ gestorben sind, oder israelische Bösewichte. Man interessiert sich kaum dafür, was Judentum heute bedeuten könnte."
Caspar Battegay
Caspar Battegays Auslegung von Pop ist großzügig: TV-Serien und Lou Reed, Kinofilme und HipHop. Auch den „Figuren des Jüdischen in Deutschland“ widmet sich das Buch. Im gleichnamigen Kapitel kritisiert Battegay die Verwendung jüdischer Stereotype in dem Kinohit „Alles auf Zucker“ und in einer Folge der TV-Serie „Schimanski“. Besser weg kommt Oliver Polak. Das Programm des Kabarettisten Polak trägt den eindeutigen Titel: „Ich darf das, ich bin Jude“. Und der Jude Polak macht schon mal einen konstruktiven, wenn auch paradoxen Vorschlag. „Laßt uns alle Juden sein“ singt er, damit wären doch alle Probleme gelöst. Oder, Caspar Battegay?
„Wenn alle Menschen Juden wären, würde es das Judentum paradoxerweise nicht mehr geben. Der Gedanke der Auserwähltheit unter den Völkern wäre gegenstandslos.“ Battegay weiter über das Video zu „Laßt uns alle Juden sein“: „Der Schluß des Videos ist vielleicht am gelungensten. Wie ein Straßenmusiker an einen Brunnen gelehnt steht Dirk von Lowtzow, der Frontmann der Band Tocotronic, und singt die Refrainzeile „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ aus dem gleichnamigen Song. Anstatt „Jugendbewegung“ singt Lowtzow in Polaks Video aber „Ich möchte Teil einer Judenbewegung sein“.“
Auch das populärste Weihnachtslied der Erde verdanken wir einem Juden. „White Christmas“, 1942 komponiert von einem gewissen Israel Isidore Berilin. Der Sohn eines russischen Kantors wird berühmt als Irving Berlin, einer der erfolgreichsten Songschreiber des 20. Jahrhunderts. Irving Berlin war sich seines Judentums politisch sehr bewusst, machte es aber in hunderten von Songs nie ausdrücklich zum Thema. Das schreibt Caspar Battegay in seiner kurzen Geschichte der jüdischen Popkultur. Battegays Begriff von Pop reicht bis zum HipHop der Gegenwart. Da wäre zum Beispiel Josh Dolgin. Josh Dolgin ist ein weißer, jüdischer Rapper aus Montreal, er nennt sich DJ SoCalled, also DJ Sogenannt und verweist damit auf eine jüdische Überlebenstechnik: sich einen neuen Namen geben, um nicht als Jude identifiziert zu werden.
Als DJ SoCalled verfremdet Dolgin beliebte jiddische Lieder für seine kunstvollen HipHop-Bastarde. Im nostalgischen Schwarzweiß-Videoclip zu seinem Song „Good Old Days“ spielt Benny Goodman eine tragende Rolle. Geboren als Benjamin David Goodman lernte der spätere Vater des Swing das Klarinette spielen in der Kehelah-Jacob-Synagoge von Chicago. Aber DJ SoCalled stellt sich in eine weitere Tradition des jüdisch-amerikanischen Entertainments. „Fight for your right to fight“, verkündet der jüdische Rapper und macht sich so seinen eigenen Reim auf eine berühmte Parole des Rap: Mit „Fight For Your Right To Party“, landen die Beastie Boys in den Achtzigern einen Welthit. Drei weiße, jüdische Jungs aus dem New Yorker Bürgertum machen einen Haufen Geld mit Rap, einer Musik des schwarzen Amerika. Doch auch jüdische Künstler fühlen sich als Außenseiter und identifizieren sich darüber mit der afroamerikanischen Minderheit. Caspar Battegay schreibt: „Schwarz sein, ja schwarz werden: Diese Fantasie dominiert die Subkultur der späten 1960er und 1970er Jahre.“ Ein New Yorker Jude namens Lewis Allen Rabinowitz hat dieser Fantasie einen sarkastischen Song gewidmet. Er heißt „I Wanna Be Black“, und wie so viele Juden ist auch Lewis Allen Rabinowitz nicht unter seinem Geburtsnamen berühmt geworden. Wir kennen ihn als Lou Reed.
Die Identifikation von Juden mit afroamerikanischen Kulturen endet nicht in den 70er Jahren. Mit dem Album „Licensed To Ill“ schaffen die Beastie Boys 1986 einen historischen Durchbruch: das erste HipHop-Album auf Platz Eins der US-Charts, von drei weißen, jüdischen Jungs aus dem New Yorker Bürgertum. Was ist eigentlich das Jüdische an den Beastie Boys?
Die Beastie Boys seien „die Marx Brothers der Musik“, sagt der amerikanische Autor Steven Lee Beeber und bescheinigt ihnen einen „smart-ass-anarchischen, jüdischen Humor“. Beeber hat ein vieldiskutiertes Buch über die jüdischen Ursprünge des New Yorker Punk geschrieben, "Die Heebie-Jeebies im CBGBs“. Aber was bitteschön ist das, smart-ass-anarchischer, jüdischer Humor , Steven Lee Beeber?
"Humor und Parodie sind ganz elementar. Als klassischer Außenseiter durchschaut man die Heuchelei und Verlogenheit der Mehrheitskultur. Die jüdische Kultur legt viel Wert auf Witze und Humor, und auf soziale Gerechtigkeit. Aus dieser Kombination entstehen oft Parodien auf populäre Motive der Massenkultur, wenn sich etwa die Ramones über die Surfmusik lustig machen oder wenn Bob Dylan klassische Folksongs dekonstruiert. Oder die Beastie Boys, die den Humor eines Jerry Lewis in HipHop-Songs übertragen, etwa in Hey Ladies!"
Steven Lee Beeber
„Hey Ladies“ ist ein Song aus dem zweiten Album der Beastie Boys, „Paul´s Boutique“ von 1989. Darauf findet sich auch der Song „Shadrach“. Ein expliziter Hinweis auf die jüdische Geschichte der Beastie Boys. Da vergleichen sich die drei Rapper mit den drei jungen Juden Shadrach, Meshach, und Abednego. Der Überlieferung nach weigern sich diese drei Nebukadnezar zu huldigen, dem König Babylons. Dieser lässt sie gefesselt in einen glühend heißen Ofen werfen. Aber, die drei Freunde werden auf wundersame Weise von einem Engel befreit. So machen Shadrach, Meshach und Abednego Geschichte: die Kinder Israels, die ihre Identität nicht verleugnet haben. „Sie wollten lieber in den Flammen tanzen, als von den Flammen verzehrt zu werden“, heißt es im Text. In „Shadrach“ wird auch Alfred E.Neumann erwähnt, der jüdische Nerd aus dem vor allem in den 70er und 80er Jahren populären Comic-Magazin „Mad“. Steven Lee Beeber nimmt das Moitiv auf, wenn er den Beastie Boys bescheinigt: „Das war kein Gangster Rap, das war Alfred E.Neumann Rap." Beeber weiter:
"Kulturelle Grenzen überschreiten, das ist sehr jüdisch. Die Beastie Boys waren die erste weiße Gruppe, die in der schwarzen HipHop-Gemeinde akzeptiert wurde. Und Bob Dylan hat sich durch sämtliche Spielarten amerikanischer Musik gespielt, vom Folk zum Rock zum Country zum Gospel. Er ist in der Lage, in jede Identität zu schlüpfen."
Steven Lee Beeber
Bob Dylan, der Mann mit den Masken, so hat man ihn genannt. Er beherrscht die jüdische Kulturtechnik der Identitäts-Maskerade. Er läßt sich nicht festlegen auf eine bestimmte Rolle, auf einen Typus. Im Zweifelsfall sagt er: nein Baby, ich bin nicht der, für den du mich hältst, so in seinem berühmten Song “It Ain´t Me Babe”.
Einen anderen, quasi den entgegengesetzten Umgang mit ihrem Jüdischsein pflegen die Musiker von der englischen Band The Long Decline. „I´m A Jew“ heißt ihr Song, unmissverständlich. Ich bin ein Jude, nöhlt der Sänger, ich bin ein Jude von meiner Hakennase bis zu meinem beschnittenen Schwanz, und dann der schlichte Refrain: "I´m a jew, fuck you." Es wird noch mal dran erinnert, wer Juden zu Juden macht, wer sich warum Juden hält, als inneren und äußeren Feind, den reichen Juden, den sexuell potenten Jude, den angeblich holocaustprivilegierten Jude. „I´m A Jew“ appelliert nicht auf die devote Art an die philosemitischen Gönnerdeutschen. The Long Decline sind Juden, sie sagen es und wem das nicht passt, der bekommt den Mittelfinger. Das Cover der Single zeigt eine Collage von Jimmy Xerox: „Cool Jews“, unter den coolen Juden finden wir Marx Brothers incl. Karl, Rosa Luxemburg, Laura Nyro, Bob Dylan, Marc Bolan, Lou Reed, Leonard Cohen, Serge Gainsbourg, Susan Sontag…
"I´m A Jew von The Long Decline ist extrem witzig, ein Akt der Befreiung und Autonomie, im Sinne dessen, was Maxim Biller mal gesagt hat: ich will nicht Jude sein, weil man mich als Jude sieht, sondern weil ich es bin, naiv, aber nicht selbstverständlich. Das wollte ich in meinem Buch zum Ausdruck zu bringen. Da werden Figuren des Jüdischen entworfen, die sich Festschreibungen widersetzen. I´m A Jew ist gewaltsam, aber auch ironisch und befreiend."
Caspar Battegay
Ironisch, befreiend vielleicht auch ein bisschen gewaltsam – das trifft auch auf den Umgang der Ramones mit dem Judentum zu. Allerdings wird es da komplizierter. Zwei der Ur-Ramones sind linksliberale Juden, Tommy Ramone und Joey Ramone. Johnny Ramone ist ein stramm rechter Republikaner und Dee Dee Ramone ist noch mal ein ganz spezieller Fall.
"Dee Dee Douglas Colvin wuchs in Deutschland auf, sein Vater war US-Soldat, seine Mutter Deutsche. Die Eltern hatten dauernd Krach und ließen sich bald scheiden. Als Resultat hatte Dee Dee zwiespältige Gefühle, was seine Vergangenheit anging. Also sammelte er Nazi-Memorabilia, wo er sie kriegen konnte, vor allem um seinen Vater zu ärgern. Er war ziemlich besessen von Deutschland und vor allem von Nazi-Deutschland – ähnlich besessen wie Tommy Ramone, bloß aus einer ganz anderen Richtung. Tommys Eltern waren so gerade eben dem Holocaust entkommen, und sie sind 1956 vor dem Antisemitismus in Ungarn in die USA geflüchtet."
Steven Lee Beeber
Aus dieser eigenartigen Bandkonstellation resultieren dann Songs wie „Blitzkrieg Bop“ oder auch: „Today Your Love, Tomorrow The World“, also heute gehört mir deine Liebe und morgen die ganze Welt…da spielen die Ramones ironisch mit der Nazi-Vergangenheit: Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.
Steven Lee Beeber widmet den Ramones ein ganzes Kapitel in seinem Buch “Die Heebie Jeebies im CBGB´s - Die jüdischen Wurzeln des Punk“, erschienen im Ventil Verlag. „Judentum und Popkultur“, der Essay von Caspar Battegay kommt vom Transcript Verlag

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