Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche Warum Vince Staples besser ist als Drake und Co.

Damit wird er selbst zu einem großen Fisch im HipHop: Die Sounds des Kaliforniers sind einfach vielseitiger als die von Kendrick Lamar, Drake & Co. "Big Fish Theory" ist ein Fest der Neugierde, sagt Ralf Summer.

Von: Ralf Summer

Stand: 26.06.2017

Es beginnt mit einer Überraschung: Ambient-Winde aus dem Synthie? Haben wir die richtige Platte aufgelegt?? Dann ein weibliches Stimmsample. Hm, wird das noch Rap oder kündigt sich da ein House-Track an? Nach einer Minute dann die Auflösung. Das Intro von „Crabs In A Bucket“ ist vorbei, Vince Staples rappt los - aber die ungewohnten Beats bleiben: Nicht klassisch, nicht langsam, sondern ein schneller Garage-House-Rhythmus, wie er in England ums Millennium angesagt war. Schon im ersten Stück macht Vince Staples klar: Gewohnter Rap kann uns hier weitgehend gestohlen bleiben.

War bei „Crabs In A Bucket“ Bon Iver am Songwriting beteiligt, so hat bei „Love Can Be...“ Damon Albarn Sounds beigesteuert – er hatte zuvor Vince Staples auf die neue Gorillaz-Platte eingeladen. Man merkt schnell: Hier hat ein Rapper Bock auf Veränderung. Raus aus dem US-Markt, her mit den exzentrischen Engländern. Auf „SAMO“ kommen die Beats von SOPHIE aus London, dem Kopf des avantgardistischen Elektronik-Labels PC Music. Und bei „Yeah Right“ mischt der australische Electro-Pop-Superstar Flume mit.

Experimentierfreudige Gäste: Bon Iver, Damon Albarn, SOPHIE

Die Platte handelt vom „zerbrechlichen System Pop und seinen giftigen Einflüssen“, wie Staples sagt. Es geht um Ruhm und Selbstbespiegelung. Kein Wunder: Sein Vorbild ist Amy Winehouse. Der Name Vince Staples tauchte erstmals auf Mixtapes des Odd Future-Kollektivs auf. Auch auf Commons letztem Album war er Gast – sein Song war der beste der Platte. Sein eigenes Debüt „Summertime '06“ kam dann vor zwei Jahren und landete in Amerika in den Top40. Und auf „Big Fish Theory“ zieht der Kalifornier aus Long Beach bei L.A. endgültig an der Konkurrenz vorbei – weil er einfach offener und interessierter ist.

Musik kann Menschen retten

Vince Staples ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Musik Menschen retten kann: Vater im Knast, ein Bruder im Knast, ein Bruder nach Medikamentenüberdosis gestorben, die Mutter gibt ihn zur Großmutter nach Atlanta, die auch nicht mit dem Knaben fertig wird. Vince kommt zurück zu einer Tante nach L.A., schwänzt und schmeißt die Schule, driftet ins Gang-Leben ab. Doch dann wird ein guter Freund erschossen und Vince forciert nun lieber seine Rap-Karriere.
In einem Interview sagt er, dass er keinen Gangsta Rap mache, wohl aber über die Gang Culture singe. Sie habe ihn geprägt, auch wenn sich Staples nun geläutert zeigt: Inzwischen fördert er das Y.M.C.A. - den Christlichen Verein Junger Menschen. Und junge Talente wie Rapperin Kilo Kish aus Florida. Sie wird gleich auf drei Liedern gefeatured – auch eine tolle Neuentdeckung. Wie überhaupt das ganze Album ein Fest der Neugier ist. Und mehr Bass-Pop als HipHop - die tiefen Frequenzen und die ungewöhnlichen klackernden Rhythmen schubsen die Platte weit weg vom Rap-Mainstream. Mit „Big Fish Theory“ wird Vince Staples selbst ein großer Fisch im Business - und entfacht den Battle ums Rap-Album des Jahres neu.


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