Bayern 2 - Zündfunk

The XX "Coexist"

Never change a winning team: die Londoner Romy, Jamie und Oliver XX bleiben auf ihrem Zweitling ihrem Sound des Debüts und Überraschungserfolg aus dem Jahr 2009 treu. Gute Entscheidung - "Coexist" ist unser Album der Woche.

Von: Ralf Summer Stand: 10.09.2012
The XX im Jahr 2012 | Bild: Jaime-James Medina

Es gibt sie noch immer: Band-Geschichten, die sich wie ein Pop-Wunder lesen: 2008 gründen Schülerinnen und Schüler an der Londoner Elliott-School, an der auch schon andere englische Indie-Helden wie Hot Chip, Four Tet und Burial gelernt haben, eine Gruppe, die größer als alle anderen Bands dieser Schule werden sollte: The XX.

2009 veröffentlichen sie ihr erstes Album, selbstproduziert. Die Platte sollte das letzte Konsens-Album der späten Nuller-Jahre werden. Und den britischen Kids eine lange Welttournee einbringen.

"Das erste, was ich nach dem Ende der Tour machte: ich zog bei meinem Vater aus. Das war ganz wichtig. Das Touren begann, als ich 18 war - mit 21 kam ich dann zurück. Meine Freunde waren längst an der Uni, waren von zuhause ausgezogen, erwachsener geworden. Ich hatte das Gefühl, wir drei von The xx haben viel versäumt, weil wir immer nur ein paar Tage zuhause waren. Ich habe es geliebt, bei meinem Vater zu leben, ich hätte noch bei ihm bleiben können, bis ich 40 bin. Darum musste es schnell gehen, und nun haben wir alle unsere eigenen Wohnungen."

Oliver Sim, The XX

Dunkles, aber auch fröhliches

Oliver Sim von The XX

Auch ein eigenes Studio haben sich Romy Madley Croft, Jamie XX und Oliver Sim nun in London eingerichtet. Die Band hat das Album wieder selbst produziert und ihr Soundtüftler Jamie XX hat es abgemischt. Neue Einflüsse sind diesmal karibische Steeldrums, die Jamie auch schon live eingesetzt hat und: die dezenten Zeitlupen-Housebeats.

"Bei der ersten Platte hatten alle Songs eher die gleiche Stimmung und das gleiche Tempo. Für dieses Album haben wir dunklere, aber auch fröhlichere Stücke geschrieben - es gibt mehr Abwechslung, es ist mehr eine Reise. Definitiv neu sind die Beats. Aber diese Entwicklung kommt nicht nur von Jamie, wir legen ja inzwischen alle auf, wir hören viel House aus London. Unser Workaholic Jamie hat nach der xx-Welttour das Gil Scott-Heron-Album geremixt und wurde dann oft als DJ auf große Festivals gebucht. Wir begleiteten ihn oft zum Auflegen. Romy und ich waren letzten Sommer seine Groupies in Glastonbury, beim Primavera, und beim Oya Open Air in Norwegen."

Oliver Sim, The XX

The XX sind Meister des Minimalismus. Ihre Liebeslieder sind so sparsam, dass man das Gefühl hat: da fehlt ja noch die Hälfte! Aber das stets schwarz gekleidete Trio beschränkt sich gern aufs Nötigste: Inhaltlich vermeiden sie konkrete Aussagen, bleiben im gewohnten Themendreieck „Ich und Du und alle Probleme, die wir kennen“. Musikalisch gilt weiter das Gitarren-Riff-Verbot: Romy spielt nur einzelne Noten, dazu brummelt der schüchterne Bass von Oliver, und Jamies Percussion-Elemente blitzen nur hin und wieder auf. Eigentlich sollte die Platte „Together“ heißen, weil alles so schön zusammenpasst, aber letztlich klang ihnen das dann doch zu süßlich. Bis Romy eines Tages in einem Text über Bilder aus Wasser- und Öl-Farben das Wort „Coexist“ las – für „nebeneinander bestehen“.

"Öl und Wasser verbinden sich nicht, aber sie haben gemeinsam, dass sie friedlich  nebeneinander existieren können“. Romy mochte den Satz aus dem Kunstbuch. Und auch die Idee, dass so unterschiedliche Dinge miteinander so etwas Schönes ergeben können. Unser CD-Booklet besteht aus lauter solchen Öl-Wasser-Regenbogen-Bildern. Auch wir als Band existieren nur dann, wenn wir aufeinandertreffen. Wenn du mich fragst, ob ich Öl- oder Wasser-Typ bin: Ich bin eher Öl, weil ich eher langsam bin, Wasser ist schnell."

The XX, Oliver Sim

Insider-Sound für alle

Es ist schon komisch: Die zaghaften Lieder von The XX laufen auch dort, wo man sie am wenigsten vermutet - sowohl in der BBC-Wahlkampfberichterstattung im Fernsehen als auch im Stadion beim Einlauf der Fußballmannschaften. Sie erreichen ein Millionenpublikum – und das mit Musik, die wie Insider-Sound anmutet. Da haben drei Schulfreunde also eine Formel gefunden, die den Designer-Pop-Verdacht gerade noch unterläuft und auch den eingefleischten Sammler von Platten aus den frühen 80ern gleichermaßen bedient. Es scheint also noch Schulen zu geben, in denen junge Menschen genügend über die Geschichte erfahren, um mit zarter Hand die Zukunft formen zu können.


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