Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: The National The National haben nach 18 Jahren ihr Meisterwerk abgeliefert

Das Ungeheuer schläft nicht, sondern sitzt im Weißen Haus. Trotzdem heißt das neue Album von The National "Sleep Well Beast“, was eher nach Hoffnung klingt als nach Verzweiflung. Und immerhin hat die unsichere Weltlage dafür gesorgt, dass Matt Berninger & Co. ihre beste Platte gemacht haben.

Von: Roderich Fabian

Stand: 11.09.2017

Vier Songs dieses Albums hatten The National schon vorausgeschickt: komplexe, kompakte Popsongs mit kryptischen Botschaften. Denn wie soll man diesen Satz interpretieren: "The System Only Dreams In Total Darkness"? Geht’s da um Blade Runner oder doch die Trump-Administration? Bassist Scott Devendorff macht klar, dass sich jeder selbst seinen Reim auf die Songs machen soll: "Versuche nie, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen! Das ist furchtbar!" Leider würden Bands oft so interpretiert, wenn sie sich politisch äußerten. Das liege ihnen aber völlig fern.

Tatsächlich ist "Sleep well Beast" eher poetisch als politisch. Und musikalisch ist das Album immer noch eindeutig pathetisch, so wie The National von Anfang an waren. Aber von ungeliebten Referenzen wie Coldplay oder U2 hat sich die Band hier eindeutig freigemacht. Auch dank Jan Werner und Andi Thoma von der Düsseldorfer Band Mouse on Mars, die für mehrere Songs des Albums die elektronischen Teppiche geliefert haben. Darüber schreitet sozusagen Matt Berningers Stimme. Und die Texte verhandeln oft Beziehungsprobleme, aber auch deren Lösungen. Berninger hat die meisten Songs mit seiner Frau Carin Besser geschrieben. 

"Eine Ehe und eine Band haben eines gemeinsam: Man muss sich darum kümmern. Sonst gehen sie kaputt: Sie können absterben. Deswegen muss man viel Liebe investieren und Geduld aufbringen, um ihnen Raum geben."

Matt Berninger, The National

Zerstörung und Aufbau

Albumcover "Sleep Well Beast"

"Sleep well Beast" schickt einen auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Stimmungen. Resignation und Aufbruch, Melancholie und Lebenslust liegen hier nah beieinander. Und natürlich spielt hier bei allen privaten Sorgen auch immer der Zeitgeist Amerikas eine Rolle, an dem sich so viele Künstler momentan abarbeiten - auch Matt Berninger. "Wir hätten die Platte fast 'Destruction' genannt," sagt er. "Denn es geht um Zerstörung und Wiederaufbau. Das Amerika, das wir kannten, wurde zerstört. Und das ist gut so. Klar, Donald Trump ist schlecht, aber dieser Mythos des Kapitalismus, auf dem unser Land aufgebaut war, liegt jetzt offen da. Wir erleben nun dessen Zerstörung."

"Sleep Well Beast" zeigt uns eine Band von fünf Männern Mitte 40, die sich erfolgreich gegen die eigene Trivialisierung gestemmt haben, die aber auch wissen, dass das, was sie machen, ein Ding aus der Vergangenheit ist: Rockmusik, die nichts anderes sein will, aber mit einer Hingabe eingespielt und produziert ist, als wär’s das letzte Mal. Die Zukunft - so weiß auch Scott Devendorff - ist mehr als ungewiss. Aber trotz aller Verunsicherung haben The National erst jetzt ihr Meisterwerk abgeliefert, nach 18 Jahren Bandgeschichte. Wer schafft das schon? Das Album sei nicht als politisches Statement gedacht, eher als eine  hoffnungsvolle Vision, sagt Devendorff. "Nicht dass wir futuristische Musik machen würden, aber unser Anliegen ist der Blick in eine bessere Zeit."


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