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Album der Woche: Sufjan Stevens, Nico Muhly, Bryce Dessner & James McAlister Sufjan Stevens erfindet den Soundtrack für Odyssee im Weltraum neu

Sufjan Stevens ist zusammen mit Bryce Dessner von The National, Nico Muhly und James McAlister Teil einer Space-Indie-Avantgarde-Supergroup. Mit "Planetarium" haben sie ein Monument aus Prog-Rock, Elektronik, Indie-Folk und Captain Future geschaffen.

Von: Angie Portmann

Stand: 12.06.2017

Sufjan Stevens, dieser Spinner! Seine Projekte werden immer größenwahnsinniger. Wir erinnern uns: 2003 wollte er jedem US-Bundesstaat ein Album widmen - das wären dann immerhin 50 gewesen! Aber schon nach Michigan und Illinois ging ihm die Puste aus. Später hat er, der ewig Begeisterungsfähige, dann die elektronische Musik für sich entdeckt. "Age of Adz" hieß das Ergebnis und war so bunt wie Konfetti auf einem Kindergeburtstag. Dem folgten fünf (!) CDs mit 58 Weihnachtsliedern, mehr Kerzen hat kein Weihnachtsbaum. Mit "Carrie & Lowell" folgte der Rückzug ins Private, die Platte war seiner depressiven und drogensüchtigen Mutter gewidmet und verhandelte Existenzielles wie Tod und Vergänglichkeit. Und jetzt das: mit "Planetarium" kehrt Stevens zurück zu den großen, den ganz großen Dimensionen: unserem Sonnensystem.

Die Idee ein Album über die Planeten unseres Sonnensystems zu schreiben ist allerdings alles andere als neu: Erst vor kurzem hat die Detroit Techno-Legende Jeff Mills sein Album "Planets" veröffentlicht, ein Elektronik-Klassik-Crossover, an dem Jeff Mills jahrelang gearbeitet hat. Und schon vor einem Jahrhundert ist die Planeten-Blaupause schlechthin erschienen, die Orchestersuite "The Planets" von Gustav Holst, 1918 in London uraufgeführt - und übrigens später von Sufjan Stevens im Schulorchester nachgespielt.

"Planetarium" von langer Hand geplant

Im Uhrzeigersinn von oben links: Nico Muhly, Bryce Dessner, James McAlister, Sufjan Stevens

Mit "Planetarium" bringt Sufjan Stevens nun den Gegenentwurf zu "Carrie & Lowell", raus aus der Intimität der Familie katapultiert sich Stevens hier direkt ins All. Und wie jede Reise in den Weltraum war auch diese von langer Hand geplant. Die Idee dazu hatte Stevens schon vor Jahren, konkret wurde sie aber erst, als Nico Muhly dafür einen Kompositionsauftrag erhielt, den er zusammen mit seinen Freunden Sufjan Stevens, Bryce Dessner von The National und dem Schlagzeuger James McAlister auch aus- und später aufführte. 2013 ging die Space-Indie-Avantgarde-Supergroup mit "Planetarium" auf Tour, dann ruhte das Projekt einige Jahre. Erst 2016 gingen die Vier mit den Skizzen von damals wieder zusammen ins Studio und schufen dieses Monument aus Prog-Rock, Elektronik, Indie-Folk und Captain Future.

Dreh- und Angelpunkt in diesem Planetarium der Stile ist die Fixierung auf eine Stimme, nämlich die von Sufjan Stevens. Mal mit Autotune, mal ohne, mal intergalaktisch verzerrt, mal ganz im Hier und Jetzt. Im zärtlich-sanften "Venus" besingt Sufjan Stevens seine ersten sexuellen Erfahrungen in einem Sommercamp der Methodisten, eine zutiefst persönliche Geschichte wird hier mit Hilfe von diversen Gottheiten und klassischer Mythologie auf eine universale, kosmische Ebene gehievt. Und zwischen den mehr oder weniger schwergewichtigen Planeten sind immer wieder ambiente Tracks mit Titeln wie "Black Energy".

Ein Album wie ein Raumschiff

"Planetarium" ist Musik zwischen Song und Soundscape, zwischen Indie-Folk und Odyssee im Weltraum, zwischen Elektronik und Klassik. Erhaben, ja manchmal vielleicht sogar kitschig, aber mit Mut zur großen Geste, zu den großen Fragen, ein episches Statement von einer Stunde und 16 Minuten. Ein Album wie ein Raumschiff, das einsam durch die ewigen Weiten unseres Universums gleitet, still und unbeirrbar einem inneren Plan folgend, dem Plan des musikalischen Genies Sufjan Stevens.


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