Bayern 2 - Zündfunk


23

R.E.M. im Interview "Es fühlte sich an wie der Lohn für eine Dekade Arbeit"

“Automatic For The People” gilt als das Opus Magnum der amerikanischen Band REM. Jetzt feiert das Werk seinen 25. Geburtstag und wird deshalb neu aufgelegt. Wir haben mit der Band in Erinnerungen geschwelgt.

Von: Marcel Anders

Stand: 09.11.2017

REM (Michael Stipe und Mike Mills) | Bild: picture-alliance/dpa

Vor 25 Jahren kam man um dieses Album nicht herum - in der Werbung lief "Everybody Hurts", im Café "Man on the Moon" und im Fernsehen "The Sidewinder Sleeps Tonite". Wir haben die Band 25 Jahre nach dem Erscheinen ihres Übererfolgs getroffen.

Zündfunk: Das erste, was mir bei „Automatic For The People“ einfällt, ist der wahnsinnige kommerzielle Erfolg des Albums, auf den REM ja so lange gewartet haben. Was war das damals für ein Gefühl, ihn so unverhofft und geballt zu erleben – zumal so spät in Eurer Karriere, nämlich beim achten Album?

Michael Stipe: Ich habe es geliebt. Machen Sie Witze? – Es war toll! Plötzlich waren wir nicht nur in den USA und in ein paar europäischen Ländern erfolgreich, sondern auf der ganzen Welt. Die Leute haben unsere Songs regelrecht geliebt. Es fühlte sich an wie der Lohn für eine Dekade Arbeit. Denn wir haben wirklich hart geschuftet.

Türöffner war die erste Single „Drive“, von deren Potential angeblich weder das Label noch die Band überzeugt war…

Michael Stipe: Es war ein Schock, aber auch irgendwie cool. Nach dem Motto: Die Leute mögen die Musik wirklich. Dabei hat keiner von uns verstanden, warum ausgerechnet dieser Song ein internationaler Pop-Hit wurde. Es war ein völliger Glückstreffer. Denn eigentlich sollte er nur eine Art Teaser auf die späteren Singles sein. Nämlich ´The Sidewinder Sleeps Tonight´ oder ´Everybody Hurts´.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern war „Automatic For The The People“ sehr ruhig und getragen – mit Streichern, Orgeln, Mandolinen. Habt Ihr die Lust am Rock verloren, oder woher rührte der starke Folk-Einfluss – gerade bei Dir, Peter?

Peter Buck: Ich bin mit einer Menge Folk-Musik aufgewachsen. Und neben Classic Rock und dem ganzen 60s Zeug hat Folk mein Songwriting wohl am meisten beeinflusst. Nimm nur die Akkorde von „Drive“. Die haben ein bisschen was von den Byrds. Deren Singles habe ich geliebt – und der Stil von Roger McGuinn hat mich ebenfalls geprägt.

Bei den Texten seid Ihr dagegen vom narrativen Ansatz auf einen experimentellen „stream of consciousness“ umgestiegen. Warum?

Michael Stipe: Ich hatte keine Ahnung, was ich da tat. Ich habe einfach mein Gehirn ausgeschaltet und mein Unterbewusstsein machen lassen. Was zeigt, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon eine Menge Wissen in Sachen Musik hatte. Nicht so sehr in Bezug auf mich – aber ich war selbstbewusst genug, um diese Songs einfach so im Studio zu performen und dabei frei zu improvisieren. Was für mich ein großer Triumph war. Als Künstler wie als Songwriter.

Nicht ganz so mutig war die Wahl des Albumtitels. Da habt ihr Euch einfach beim Slogan Eures Lieblingsrestaurants „Weaver D.´s Delicious Fine Foods“ in Athens, Georgia, bedient. Ganz zum Ärger des Besitzers, dem über Jahre immer wieder das Logo überm Eingang geklaut wurde. Ist Euch nichts Besseres eingefallen?

Michael Stipe: Mit Albumtiteln taten wir uns unglaublich schwer – schon seit Gründung der Band. Einzelne Songs waren nicht ganz so schwierig – aber komplette Alben umso mehr.

Die dritte CD der Box ist ein Live-Mitschnitt aus dem 40 Watt Club in Athens - der mit Abstand bekanntesten Lokalität Eurer Heimatstadt. Wie viele Venues gibt es da überhaupt?

Peter Buck: In Athens, Georgia, gibt es etwa 30 Clubs, in denen man Musik machen kann – was eine Menge ist. Mehr als in Los Angeles. Der ´40 Watt Club´ bietet Platz für 800-900 Zuschauer. Und da spielen täglich drei Bands – an sechs Abenden der Woche. Außerdem gibt es viele kleine Bars. Der alte ´40 Watt Club´ heißt jetzt ´The Caledonian´, ist geradezu winzig und wird vor allem von lokalen Künstlern bespielt. Hier erlebt man sechs Bands auf einen Schlag, die alle eigenes Material spielen und sich irgendwo zwischen mittelprächtig und toll bewegen.

Ihr habt damals das Medium MTV sehr geschickt genutzt. Mit Clips, die sich wohltuend von der breiten Masse absetzten. Welchen Anspruch habt Ihr da verfolgt?

Mike Mills: Wir haben immer versucht, gängige Klischees zu vermeiden. Also Sachen wie Spiegel, die langsam zerbrechen, oder leicht bekleidete Damen, die sich vor der Kamera räkeln. Wenn wir nackte Frauen in unseren Videos hatten, dann um ein Statement gegen Sexismus abzugeben. Wir haben uns immer bemüht, unsere Videos interessant, künstlerisch und lustig zu gestalten – sie sollten nicht zu kommerziell oder dumm rüberkommen.

„Automatic For The People“ hat insgesamt sechs Singles hervorgebracht und sich als echtes Monster in Sachen Airplay und Rotation erwiesen. Gibt es einen Song darauf, den Ihr im Nachhinein nicht mehr so toll findet? Den Ihr gerne ausgelassen hättet?

Mike Mills: Der R.E.M.-Song, den ich am wenigsten mag? Es gibt zwar keinen, den ich hasse, aber ´Sidewinder Sleeps Tonight´ fand ich nie besonders spannend. Nicht, dass es ein schlechter Song wäre, aber er hat mich nicht vom Hocker gehauen. Ganz im Gegensatz zu ´Man On The Moon´ oder ´Losing My Religion´, die wir als Band allein deshalb immer gespielt haben, weil wir sie mochten – weil sie Spaß gemacht haben.

„Automatic“ hat Euch nicht nur reich und berühmt gemacht, sondern auch ins mediale Rampenlicht gezerrt – angeblich mehr als Euch lieb war. Stimmt das?

Michael Stipe: Das einzig Negative an dieser Zeit war die enorme Last, die ich auf meinen Schultern spürte und die daher rührte, plötzlich das Sprachrohr einer Generation zu sein. Und das nur, weil wir als Band auch Politaktivsten waren und sagten, was wir dachten. Dabei hatte ich nie vor, die Leute zu bekehren oder ihnen etwas vorzubeten. Das ist nicht der Grund, warum ich Musik mache. Ich hoffe, die paar Male, in denen mir eine Botschaft rausgerutscht ist, waren nicht ganz so schlimm.

Hand aufs Herz: Ist „Automatic For The People“ der Meilenstein von REM? Und: Warum konntet den kommerziellen Erfolg nie wiederholen?

Michael Stipe: Es hat einen Nerv im öffentlichen Bewusstsein getroffen – auf der ganzen Welt. Es hat die Band auf ein völlig neues Level katapultiert. Natürlich konnten wir den Erfolg nicht beibehalten. Ein Album, das ein solcher internationaler Hit ist, hat man nur ein, zwei oder drei Mal in seiner Karriere. Ob ich das später vermisst habe? Nicht wirklich.


23