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Album der Woche Warum LCD Soundsystem keine alten Comeback-Knacker sind

2011 mit viel Pomp beerdigt, 2016 exhumiert - das LCD Soundsystem hat eines der tollsten Comebacks der jüngeren Musikgeschichte hingelegt. Dabei waren einige Fans erstmal gar nicht so begeistert über die frühe Wiederauferstehung.

Von: Maria Fedorova

Stand: 04.09.2017

James Murphy, LCD Soundsystem (2012), Ausshnitt aus "Shut Up And Play The Hits" | Bild: picture-alliance/dpa

Stephen Colbert: Du bist ein ziemlich erfolgreicher Rockstar.
James Murphy: Moderat erfolgreich.
Stephen Colbert: Und dennoch: Du verzichtest auf den Ruhm. Warum? Das ist dein letzter Auftritt als LCD Soundsystem!
James Murphy: Ja.

So inszeniert James Murphy seinen Abschied von der Popwelt in der Late Show von Stephen Colbert 2011 und löst die megaerfolgreiche Disco-Punkband LCD Soundsystem auf. Weg vom Kommerz, vom Weltruhm, raus aus der Musikindustrie. Jahrelang hat Murphy gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen einem Mainstream-Act und dem New Yorker Kunst-Underground balanciert. Aber irgendwann wurde der Pop zur Routine:

Ein Abgang mit viel Stil und Pomp

„Ich war 38 und ich entschied mich eine Platte zu machen. Ich setzte mich hin und nahm ein Album auf und in der nächsten Sekunde war ich schon 40… Ich habe keine Familie und keine Kinder. Und ich möchte welche. Mein Leben geht weiter“, erzählt Murphy im Film „Shut Up And Play The Hits“, einer Dokumentation vom letzten Gig der Band im Madison Square Garden. Das Konzert wurde in einer fünfteiligen LP-Box „The Long Goodbye“ verewigt, gefolgt von einer Ausstellung im New Yorker Rough Trade Shop. Ein Abgang mit viel Stil und Pomp. Und gleichzeitig das Ende einer Epoche, das Ende des New Yorker Sound der Nuller Jahre, mit Bands wie The Strokes, Yeah Yeah Yeahs und Interpol.

Ursprünglich sollte es gar nicht das letzte Konzert sein. Er wollte mit der Ankündigung einfach den Vorverkauf ankurbeln, erklärt Murphy heute. Vielleicht ist es dieser kaufmännische Pragmatismus, den die Fans auch hinter der Reunion der Band vermuten. Als Murphy letztes Jahr das LCD Soundsystem aus dem noch frischen Grab exhumierte, nahmen ihm das manche Fans eher übel. Was ist passiert? Braucht der Anti-Kommerz-Musiker auf einmal Kohle? James Murphy verfasste eine lange Antwort an seine Fans, in der er sich leicht kindlich-naiv aber zutiefst sympathisch erklärt:

"Ein James Murphy-Soloprojekt wäre soziopathisch gewesen"

„Ich schreibe die ganze Zeit Songs. 2015 habe ich realisiert, dass ich so viele neue Songs geschrieben habe wie noch nie in meinem Leben. Und das waren meine Optionen: 1. Ich mache eine Platte mit meinen Bandkollegen, aber mache es unter einem erfundenen Namen oder sogar als James Murphy-Soloprojekt, was egozentrisch und leicht soziopathisch wäre. 2. Ich schließe meine Bandkollegen bewusst aus, um peinliche Situationen zu vermeiden. 3. Ich mache ein LCD-Album mit meinen Bandkollegen, wenn sie das auch wollen. 4. Ich mache gar keine Musik, um peinliche Situationen zu vermeiden. 5. Ich mache Musik und verstecke sie irgendwo. Wir haben uns für die dritte Variante entschieden.“

Zu alt für die neue Tour sei er auch nicht, schreibt Murphy weiter. Tatsache ist: Das LCD Soundsystem kann noch weitere zehn Jahre auftreten und würde trotzdem nicht wie eine peinliche Karikatur seiner selbst wirken, wie etwa die Rolling Stones. Heikel ist das Comeback trotzdem. Das LCD Soundsystem hat einst Maßstäbe an Coolness gesetzt. Ihre Musik war eine Liebeserklärung an den Postpunk und Disco-Sound, aber auch an Selbstironie und Verweigerungshaltung. Die Trennung war ein weiterer Akt der Verweigerung, also ein Akt der absoluten Coolness.

Der Morgen danach

Jetzt verabschiedet sich die Band endgültig vom Underground, veröffentlicht eine gemeinsame Single mit Bono und spielt ein Reunion-Konzert auf dem Coachella Festival. Da teilen sie sich die Headliner-Bühne mit einem anderen Pop-Zombie: Guns’n‘Roses. Und statt berauschende Clubnächte zu verklären, besingen LCD Soundsystem auf dem neuen Album „American Dream“ den Morgen danach: „You took acid and looked in the mirror, watched the beard crowl in the face. Oh, the revolution was here. That would set you free from those bourgeoisie. In the morning everything's clearer. When the sunlight exposes your age. But that’s ok.”

Die Revolution war umsonst, singt Murphy. Langsam verpufft das Gefühl der Coolness und Überlegenheit. Jede Party kommt irgendwann zum Ende. Vielleicht ist aber auch genau das die Stärke eines erwachsenen James Murphy. Die Coolness weicht einer Melancholie, die authentisch ist, wie es das LCD Soundsystem immer war.


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