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Album der Woche: Kendrick Lamar Kendrick Lamar macht sogar Bono wieder groß

Sein Meisterwerk "To Pimp A Butterfly" war nicht nur bei uns Album des Jahres 2015. Jetzt hat Kendrick Lamar seine neue Platte "DAMN." veröffentlicht - sie bleibt im Schatten seines Meisterwerks. Aber der Rapper aus Compton, L.A., ist weiterhin eine Klasse für sich.

Von: Ralf Summer

Stand: 18.04.2017

Mit einer ruhigen und scheinbar harmlosen Erzählung stimmt uns Kendrick Lamar auf sein neues Album ein: im ersten Stück "BLOOD." beschreibt er, wie er eine Frau auf der Straße trifft, die blind und hilflos wirkt. Als er sie fragt, ob sie etwas verloren habe, er würde ihr auch bei der Suche helfen, erwidert sie, dass er es ist, der etwas verliere: sein Leben nämlich – und sie drückt ab. Aus Schwäche oder im Wahnsinn? Wir sollen entscheiden, meint er. Kendrick wagt sich diesmal an die großen Fragen des Lebens. Auch wenn ihm das irdische Amerika genug Ärger bereitet.

"Hip Hop hat in den letzten Jahren junge Afroamerikaner mehr ruiniert als Rassismus." Mit dieser abstrusen Behauptung wird Gerald Rivera in zweiten Song "DNA." gesampelt. Und als Hauptfeind des Hip Hop gebrandmarkt. Rivera ist der Republikaner gegen Rap: ein weißer Amerikaner, Anwalt und Journalist. Er hatte den Spruch in seiner Fernsehsendung gesagt – auf Fox News. Der konservative Sender hatte einen Auftritt von Lamar kritisiert: Kendrick war bei einer Show auf dem Dach eines kaputten Polizei-Autos aufgetreten. Nun also die Retourkutsche: der Murdoch-Sender und sein Rechts-Außen Moderator Rivera bekommen ihr Fett weg vom Rap-Superstar. Und das gleich in vier der 14 Liedern von Lamar.

Nicht mehr jazzig, sondern elektronisch und bassig

Auch soundmäßig kommt Lamar diesmal aus der Defensive: wir hören auf "DAMN." keinen feierlichen Funk- und Jazz-gespeisten Hip Hop mehr wie noch auf "To Pimp A Butterfly", seinem Old-School-angehauchten Meisterwerk von 2015. 2017 sind seine Beats elektronischer, bassiger und moderner - und gleichzeitig unzugänglicher. Mit Ausflügen in den Trap – wie bei der Single "HUMBLE."

Bono mal wieder erträglich

Der neue Sound kommt vom seinem gewohnten Team. Lamar arbeitete wieder mit Produzent Anthony Tiffith, Chef vom Top Dawg-Label, bei dem er unter Vertrag steht. Bei der Hälfte der Stücke ist auch Sounwave dabei - mit ihm war vor Jahren Lamars Durchbruchs-Song "Bitch Don't Kill My Vibe" entstanden. Neu an Bord dagegen Kaytranada und BadBadNotGood, die Jazzer aus Kanada, und Steve Lacy von der R'n'B-Band The Internet. James Blake half ihm beim Song "ELEMENT." Die Gästeliste ist noch länger – und sehr speziell: In "LOYALTY." hören wir Pop-Queen Rihanna. Und in "XXX." hat Bono von U2 tatsächlich mal wieder einen erträglichen Moment. Der unerwartete Gast singt über das Amerika nach Obama.

Albumcover DAMN.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass Lamar die Platte am Good Friday, am Karfreitag veröffentlicht hat. Mehrere Male rappt er, dass keiner für ihn betet. Es geht hier viel um Glaube, um Religion, Sünde. Nicht Donald Trump, sondern Gott ist das Thema. Und Leben und Tod. Am Ende, beim Stück "DUCKWORTH." - seinem Familiennamen - schließt sich der Kreis zum ersten Stück. Diesmal ist es nicht sein eigener befürchteter Tod, sondern der Fast-Mord an seinem Vater. Ausgerechnet von den Leuten, bei denen Sohn Lamar heute unter Vertrag steht, wäre Papa Duckworth in den 90ern fast mal erschossen worden.

Kendrick Lamar ist und bleibt eine Klasse für sich. Es ist schade: das neue Album ist gut. Aber alles in allem ist es nicht mehr das epochale, Jazz-angehauchte Album geworden, das auch außerhalb von Rap erstrahlt. "DAMN." klingt eher nach Charts als beim letzten Mal, beschäftigt sich mehr mit Rap, mit Lamar, dem Leben selbst. Aber es wird wohl – wie vielleicht noch viele Platten von ihm - im Schatten seines Meisterwerks stehen. Damit sollte man aber leben können.


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