Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: Grizzly Bear Ein Appell für mehr Empathie auf dieser Welt

Grizzly Bear, muss man wissen, sind eine sehr spezielle Band, eine die das Wort wirklich verdient hat. Ein eigener Kosmos. "Painted Ruins" ist das Majordebüt der Band - aber klingen sie deshalb auch mainstreamiger?

Von: Thomas Mehringer

Stand: 18.08.2017

Grizzly Bear | Bild: Sony/Tom Hines

“Charlottesville ist das Amerika, das uns Donald Trump versprochen hat”, diesen Kommentar hat der Sänger von Grizzly Bear, Ed Droste, vor ein paar Tagen auf Instagram geteilt. Die politische Situation in ihrer Heimat war auch einer der Gründe, warum Grizzly Bear nach fünf Jahren wieder ein neues Album rausbringen. Es heißt: “Painted Ruins”, bemalte Ruinen. Das Quartett war mit ihrer Musik bislang nie direkt politisch, sie fanden andere Wege, um ihre Gefühle und die der Gesellschaft einzufangen. Das ist jetzt anders: Der Song “Aquarian” beginnt mit den Lieblingsworten von Donald Trump: “Great disaster”.

Das Leitmotiv von Grizzly Bear auf “Painted Ruins” heißt: Empathie. Die zentrale Zeile dazu findet man im Song “Four Cypresses”. Da heißt es: „It’s chaos but it works.“ Wir versinken im Chaos - und trotzdem funktioniert noch alles. Aber warum? Daniel Rossen hat den Song aus der Perspektive eines Obdachlosen in L.A. geschrieben, den er dort auf der Straße beobachtet hatte. Dann dachte er die Situation dieses Mannes weiter: Was, wenn Krieg um ihn herum herrschen würde? Würden die Menschen noch für ihn da sein? Was würde dann noch funktionieren? Die Antwort darauf scheint unwichtig, wichtig ist die Botschaft, dass man sich in andere hineinfühlen muss, um überhaupt auf solche Fragen zu kommen.

“Charlottesville ist das Amerika, das uns Donald Trump versprochen hat”

Der Song “Neighbors”, die Nachbarn, ist fast schon ein verzweifelter Appell für mehr Empathie. Man kann ihn verschieden interpretieren: Auf der Ebene eines internationalen Konflikts oder auch runtergebrochen auf Zwischenmenschliches: Bevor man einem Menschen weh tut, sollte man sich in ihn hineinversetzen. Daniel Rossen singt hier immer wieder: “Not a care in the world, that’s the way you play.”

"Painted Ruins" funktioniert auf vielen Ebenen

Grizzly Bear lassen sich nicht nur von gesellschaftlichen Beobachtungen inspirieren, ihre Themen kommen auch aus dem Privaten. Und da hat sich viel getan bei der Band, die ursprünglich aus New York kommt, jetzt aber verstreut rund um Los Angeles lebt. Die beiden ersten Songs auf dem Album handeln vom Rumfahren mit einem Quad Bike in Echo Park, einem grünen Stadtteil von LA, und dem Aufsammeln von Feuerholz. Dinge, die in New York nicht gehen.

Chris Bear, Chris Taylor und Daniel Rossen sind mittlerweile alle verheiratet. Bear hat ein einjähriges Kind, nur Ed Droste hat sich 2014 scheiden lassen - auch das hört man auf “Painted Ruins”. Droste selbst will die Fans nur spekulieren lassen, welcher Song von seiner Trennung handelt, äußern will er sich dazu nicht. Es könnte das groovy “Losing All Sense” sein, dort singt er: „Own your scars“ - steh zu deinen Narben. Oder doch die große Kapitulationshymne “Sky Took Hold”? Wer weiß? Und darin steckt die große Stärke von “Painted Ruins”. Unser Album der Woche funktioniert auf so vielen verschiedenen Ebenen.

Die gute alte Empathie - langweilig wird sie nie

Grizzly Bear zeigen mit “Painted Ruins”, dass sie am besten im Kollektiv funktionieren. Keines der Soloprojekte der vier hat je so richtig gezündet. Musikalisch kommen sie geschlossen und erhaben daher, erinnern immer mehr an Radiohead, so vielschichtig spielen Grizzly Bear auf. Weg vom Freak Folk hin zum Sophisticated Rock. Und ein Glücksgriff ist ihr zentrales Thema: Es mag zwar pathetisch klingen, aber: Mit dem Herzen des anderen fühlen - schaden kann uns das gerade nicht. Die gute alte Empathie - langweilig wird sie nie. Schon gar nicht mit Grizzly Bear.


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