Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: Girl Ray Teenage Love and Summer Feeling

Eingängige Melodien, Basslines aus den Sixties, School Girl-Appeal – das sind Girl Ray. In den 80ern nannte man das Twee Pop. Poppy, Iris und Sophie drehen die Idee weiter, beweisen aber auch den Mut zur großen Geste.

Von: Maria Federova

Stand: 14.08.2017

Dass das Londoner Trio Girl Ray Humor hat, merkt man schon an ihren Wortspielen: Der Name „Girl Ray“ kommt von Man Ray, dem Kultfotografen aus den 20er Jahren. Ihr Debütalbum nennen sie „Earl Grey“ - zusammen ergibt das etwas, was wie ein Kinderreim und wie eine Hommage an das klassisch Britische klingt.

Poppy Hankin, Iris McConnell und Sophie Moss waren erst 16, als sie vor zwei Jahren Girl Ray gegründet haben. Damals gingen sie noch auf die Fortismere School im Norden von London, dort wo The Kinks-Gründer Ray Davies und auch Viv Albertine von The Slits die Schulbank gedrückt haben. In ihren ersten Texten haben Girl Ray von einer Skateboard-Karriere geträumt oder darüber gesungen, wie sehr sie Mick Jagger hassen. Mit der Zeit sind sie bescheidener geworden, haben zusammen Cate Le Bon und Todd Rundgren-Platten gehört und haben schließlich zu ihrem jetzigen, verträumten Sound und Texten à la „Liebes Tagebuch“ gefunden.

Vom Fleck weg gesigned

Schon nach den ersten Clubauftritten wurden Girl Ray von dem Londoner Label Moshi Moshi gesigned, das auch Lykke Li, Florence and the Machine und Hot Chip entdeckt hat. Und so verbrachten Poppy, Iris und Sophie ihren letzten Schultag nicht beim Feiern, sondern beim Schreiben der ersten offiziellen Single der Band: „Trouble“.

Eingängige Melodien, Basslines aus den 60ern, 70er-Gitarrenklänge und School Girl-Appeal – das sind Girl Ray. Viele hören in ihrer Musik die Einflüsse der legendären C86-Compilation heraus, die 1986 vom britischen Magazin NME zusammengestellt wurde. Darauf waren Bands wie The Wedding Present und Primal Scream vertreten: Akkurat gekleidete weiße Kids aus der Mittelschicht, die sich nicht mit der wütenden Energie und den politischen Botschaften von Punk und Rock’n‘Roll identifizieren konnten. Stattdessen haben sie romantische Indiemusik zelebriert, die keine Angst vor Kitsch hat.  Das war die Geburtsstunde von Twee Pop. Und 19 Jahre später denken Girl Ray diesen Sound weiter. Sie wollen keine Messages auf der Metaebene liefern oder sich an Protestkultur beteiligen. Stattdessen zeigen Girl Ray, dass der heutige Pop auch von den Songs über Freundschaft, Angst vorm Erwachsenwerden und Liebeskummer lebt.

Und dann doch: Der Mut zur großen Geste

Drei junge Frauen, die Liebesballaden singen und das ohne jegliche Selbstinszenierung. Es wäre schwierig mit dieser etwas simplen Formel für Aufmerksamkeit zu sorgen, hätten Girl Ray nicht doch noch ein paar Überraschungen auf die Platte gepackt. Nach flotten und bewusst spröden Drei-Minuten-Songs zeigt die Band Mut zur großen Geste und komplizierten Arrangements im epischen 13-minütigen Track „Earl Grey (Stuck in a Groove)“, der an klassische Psychedelic-Rock-Hymnen erinnert.

Eine andere Überraschung ist die extrem wandelbare Stimme von Poppy Hankin, die in vielen Momenten an PJ Harvey und Nico erinnert. Als eine große Inspiration für ihr Album haben Girl Ray auch den britischen Abenteurer Ed Stafford genannt, der als erster Mensch zu Fuß den gesamten Amazonas  entlang gelaufen ist. Ihr Debütalbum „Earl Grey“  scheint den drei Britinnen ein genauso gigantisches und in manchen Momenten nicht machbares Projekt gewesen zu sein. Girl Ray haben diese Aufgabe aber mit Bravour gemeistert und eines der schönsten Alben dieses Sommers rausgebracht.


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