Die Türen "ABCDEFGHIJKLMN..."
Nach ihrem 2008er Luftikus-Album "Popo" haben die Türen lange Luft geholt, um uns jetzt in neuer Besetzung umso vehementer und direkter ihre Parolen wie "Don't google yourself" oder "Pop ist tot" um die Ohren zu hauen. Ihr viertes Album "ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ" ist eine permanent heiß laufende Statement-Maschine.
Mit ihrem "ABC..:" liefern uns Die Türen einen Buchstabensatz, der uns dabei hilft unseren Alltag besser zu lesen, und, logisch: Bei den Türen muss auf ein A nicht zwangsläufig ein B folgen. Die Türen jammen auf ihrem neuen Album ziemlich gelenkig zwischen Dadaismus und Diskurspop, zwischen Yoga und Systemkritik und ihre besondere Stärke ist eben diese Nische zwischen Gesellschaftsanalyse, Kalauer, Slogan- und Bezüge-Terror.
"Wissen ist Macht / kaputt was Euch kaputt macht" besserwissern sie oder "die treusten Konsumenten und die Herrscher aller Konten / konnten nicht verhindern / dass die Revolution aus ihren Kindern / Studenten / und die Zeit aus ihnen / Empfängern von Renten machte." Gleich im ersten Song "Rentner und Studenten" erstellen sie eine ziemlich gnadenlose Facebook-Timeline für den fett und bequem gewordenen Mitte-Hipster von gestern:
"Montags ins Kino. Dienstags zum Yoga. Mittwochs zum Hausarzt. Und Donnerstag was Trinken. Freitag ist Fußball. Samstag Wetten Dass. Sonntag ist Ruhetag. Sonntag ist Tatort."
(aus 'Rentner und Studenten')
Die Türen also als Nervensägen. Als Pain In The Ass, die uns weißen Mittelschichts/Mittelalt/Mitte-Bewohner beim Satt-Sein, Aufstoßen und Verzweifeln, beim Wollen und Vermeiden zusehen. Die Türen haben all die Themen auf der Pfanne, die wir spätnachts am Biertisch larmoyant diskutieren: Mindestliebe statt Mindestlohn, Leben und Streben, die deutsche Gegenwart im "schwarz-gelben Unterseeboot", Datenschutz, Datenfreiheit und Datennarzissmus – und mit der schönen Warnung "Don’t google yourself" landet Türen-Sänger Maurice Summen auch da mehrere Treffer.
Ein Jam zwischen Dadaismus und Diskurspop
Kann die Musik der Türen auch was? Das kann sie allerdings! Schon im über elf Minuten langen Eröffnungstrack rollen, jammen und swingen Die Türen, nachdem sie ihre massive Textmenge abgesetzt haben, über einen Krautrockteppich, der nie enden will. Der Bass von Ramin Bijan ist hochkonzentriert, immer wieder klimpert ein freundliches Klavier, manchmal blökt ein New Wave-Saxophon und aus dem Keyboard steigt ein Himmel voller Geigen in die Cloud.
Der Schülerbandgestus – Die Türen haben ursprünglich in einer Aula in der Gegend von Borken angefangen – ist längst abgelegt und mittlerweile sind Die Türen eine von Berlins subversivsten Supergroups. Die tolle Besetzung um Andreas Spechtl (Ja, Panik), Chris Imler (Driver&Driver) und Michael Mühlhaus (Blumfeld) hilft dabei. Es sind Musik und Statement, die das Branding erst gültig machen.
Und wer noch tiefer in den Türen-Kosmos eindringen will: Es gibt ein Buch zur CD, Videos auf der Webseite und Maurice Summen hat für den Zündfunk vor kurzem auch einen Essay geschrieben, wie die Cloud unsere Kultur verändern wird.
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