Bayern 2 - Zündfunk

Cat Power "Sun"

Nach sechs Jahren wieder eigene Songs von Chan Marshall: Sun. Selbst produziert, leicht elektronisch und vom Gesang her besser denn je. Unser Album der Woche.

Von: Ralf Summer Stand: 03.09.2012

„I never knew love like this“ - „so eine Liebe habe ich noch nie erlebt“ - mit diesem emotionalen Eingeständnis beginnt Cat Power ihr neues Album „Sun“. Man möchte sich fast schon mit ihr, mit Chan "Sorgenkind" Marshall freuen. Doch man weiß inzwischen, was kurz vor Ende der vierjährigen Aufnahmen dieser Platte kam: sie und Giovanni Ribisi trennen sich. „I never knew pain like this“ heißt es sodann im Song „Cherokee“ weiter. Ribisi, Schauspieler und Schwager des Musikers Beck, hat nach der Trennung das englische Model Agyness Deyn geheiratet.

Acht Monate eingeschlossen

Produziert hat Cat Power ihr siebtes Studioalbum erstmals nicht in den Staaten, sondern bei Philippe Zdar in Paris. Der Daft-Punk-Kumpel war früher Teil des French-House-Duos Cassius, ist Stamm-Producer von Phoenix und hat die letzte Beastie Boys aufgenommen. Die gefiel Chan Marshall vom Sound so gut, dass sie bei Zdar anklopfte. Der Franzose überließ Cat Power sein Studio für acht lange Monate. Die Zeit war nötig, weil sie ziemlich fertig ankam und komplett unsicher war.

"Ich habe mich nicht getraut, eine Gitarre in die Hand zu nehmen - geschweige denn, das Klavier anzusehen, das im Studio war. Überall standen Synthies herum, auf denen ich alle möglichen Knöpfe drückte. Ich zwang mich schließlich, etwas aufzunehmen, zuerst mit den Drummachines. So entstanden Tempo, Rhythmus und Melodien. Schließlich setzte ich mich für die Songs 'Cherokee' und 'Ruin' doch wieder ans Piano. Die Melodien dafür waren mir schon davor in Puerto Rico eingefallen. Ja, in P-P-Puerto Rico."

Cat Power

Sun ist die Wiedergeburt

"Was tun wir nur? Wir sitzen auf Ruinen“ singt Chan Marshall in „Ruin“, der erstaunlich positiv-poppenden Single mit der catchy Piano-Melodie. Cat Power bezeichnet „Sun“ nach allen Widrigkeiten als „Wiedergeburt“, es geht ihr nicht ums Zurückschauen, sondern ums Weitermachen. Beziehungen sind aufreibend genug, klagt sie.

"Ich wollte wirklich so etwas wie Sicherheit in mein Leben kriegen, Familie und Kinder mit jemandem haben. Das ist schon hart, denn nun bin ich wieder komplett auf mich zurückgeworfen. Zwischen Männern und Frauen gibt es einfach ein richtiges Problem. Man ist wahnsinnig schnell, wenn es darum geht zu sagen: Das ist deine Schuld, das ist dein Prolem. Aber eigentlich ist es doch das verdammte Problem der jeweiligen Person. Also: Ich habe ein Problem, er hat ein Problem und genau das ist dann das Problem."

Cat Power

Sonniges Werk mit Beatwolken

Cat Powers alias Chan Marshall auf dem Cover ihres neuen Albums SUN

Das fröhlich daherkommende Trinkerlied „3,6,9“ - entstanden nach einem Alkoholabsturz und dem privaten Schiffbruch - hätte man wohl eher auf einer Unplugged-Platte erwartet: Chan Marshall, zurückgezogen in einer Hütte mit Büchern über ägyptische Warlords in Raumschiffen, die Akustische in ihrer Hand, an der Maja-Ringe stecken, die an den Weltuntergang erinnern - das sind beides Themen, die sie tatsächlich beschäftigen. Man hätte melancholische Balladen erwarten können, aber „Sun“ kommt als Cat Powers sonnigstes Werk daher - die leichten Beats stören überhaupt nicht, im Gegenteil: sie wirken wie Wolken, durch die hindurch Chan Marshall Worte des Trostes verschickt. Wie im zentralen Zehn-Minuten-Song „Nothing But Time“, auf dem ihr Nachbar aus Miami, Iggy Pop, mitsingt.

"Die Tochter meines Ex-Freundes wurde online gemobbt, das hat sie echt fertig gemacht. In den USA ist das ein schlimmes Phänomen: Kinder schwärzen sich im Netz an. Es gab sogar Selbstmorde deshalb. Daraufhin habe ich ihr das Lied 'Nothing But Time' geschrieben. Zu der Zeit hatte die Kleine gerade ihre Ziggy-Stardust-Phase, sie hat sich in die Bowie-Figur hineingeflüchtet. Ich habe dann sowohl David als auch Iggy Pop angefragt, ob sie bei meinem Lied mitsingen wollen. David fand die gemeinsame Anfrage wohl absurd, aber Iggy hat zugesagt. Ich habe der Tochter meines Ex' dann erzählt, dass nur Iggy im Lied für sie mitsingen wird - da sagte sie: Das ist so cool! Als ich dann meinte: David Bowie ist leider nicht mit an Bord, antwortete sie: Das ist schon klar, keine Sorge!"

Cat Power

"The world is just beginning"

Das Duett „Nothing But Time“ klingt auch ohne David Bowie nach David Bowie - nach seinem Jahrhundert-Hit "Heroes" aus seiner Berlin-Ära Ende der 70er Jahre. Aus Bowies berühmtem Text „we can be heroes“ macht Cat Power für Lucia Ribisi „It's up to you to be a superhero“ und Iggy tröstet: „The world is just beginning“. Es klingt fast ein wenig so, als ob es Iggy Pop auch für Chan Marshall gesungen hätte. Ein kleiner Schritt unter Nachbarn, ein großer Song für all die, die zu wenig Sonne im Leben haben.


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