Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: Björk Wie Björk ein Paradies fast ohne Männer baut

Björk ist schon immer mutig ihre eigenen Wege gegangen und hat viel riskiert, während ihre Zeitgenossin Madonna immer nur das Beste aus der Zukunft geklaut hat. Auf ihrem zehnten Studioalbum führt uns die Mutter aller Sirenen nun nach Utopia.

Von: Michael Bartle

Stand: 27.11.2017

Die isländische Künstlerin Björk | Bild: Santiago Felipe

Statt der Lobeshymne - gleich am Anfang drei Fragen: Warum gibt es keine gute Björk-Parodie? In welcher Björk-Phase befinden wir uns bitte genau? Und ist Björk wirklich diese bleischwere, todernste, fast schon bedeutungsüberschwangere Künstlerin, als die sie rüberkommt?

Beginnen wir mit drittens. Im Zündfunk Interview von 2011 beschreibt sie sich selbst: "In meinen Punk-Jahren nahmen wir die Musik selbst auf, wir machten die Poster selbst, wir liehen uns das Auto unserer Eltern und verteilten die Alben. Ich komme aus einer Zeit, als DIY angesagt war." Björk hat also seit ihren Punk-Tagen gelernt, ihr Ding durchzuziehen – egal welche Industrie und Warenform gerade das Sagen hatte. Das muss man immer im Hinterkopf behalten, denn die Unbedingtheit, die blutige Ernsthaftigkeit mit der Björk Platte für Platte ihr Ziel verfolgt – das ist schon Hardcore. Und keinem Scott Walker, keinem Nick Cave und schon gar keinem Johnny Cash würde man den Vorwurf machen, sie seien nervensägende Dunkelmänner.

Wo sind wir in der Björk-Zeitrechnung?

Nachdem wir nun die feministische und künstlerische Lanze mit einer Fliege erschlagen haben, kommen wir zur Frage 2: In welcher Björk-Zeitrechnung befindet sich Utopia, ihr mittlerweile zehntes Studioalbum? Der Vorgänger "Vulnicura" aus dem Jahr 2015 war ein Trauerkloß von einem Trennungsalbum – die langjährige Beziehung zum Avantgarde Künstler Matthew Barney war in die Brüche gegangen.

Die neue Platte erzählt dann die Flucht aus der von Männern verursachten Schwermut. Es plinkert und pluckert, flötet und trötet, Paradiesvögel singen, Grillen zirpen, Björk dirigiert ein 12-köpfiges weibliches Flötenorchester, das uns in ein männerfreies Paradies entführt. Dazu hat sich Björk ganz viele Mythen aus Afrika, Südamerika und Nordeuropa reingezogen – und die Geschichte ist fast immer die gleiche: die Frauen entkommen der Männerwelt und fliehen in ein Utopia ohne Gewalt und ohne Aggression. Das einzige Gepäck, das sie auf dem Marsch dabei haben, das sind die Flöten und ihre Kinder.

Eine Insel aus Sound - eine weibliches Paradies

Eine Insel aus Sound schaffen, ein Utopia, das noch niemand vor ihr beschritten hat. Der Mangrovenwald aus Flöten, tiefgrüne Schlingpflanzen, die sie zusammen mit Co-Producer Arca am Rechner nachbaut. Songs sind kaum erkennbar, sie fransen aus und verlieren sich wie ein Trampelpfad im tropischen Regenwald. Manchmal wünscht man sich für dieses Traumreise ein GPS, einen lonely planet-Führer, Kategorien wie "things to do" oder "places to be" die einen auf dieser Reise bei der Hand nehmen.

Das einzige, das diese Reisegruppe zusammenhält, ist die Sirenenstimme von Björk. Die aber nicht alle Männer, die sie angelockt hat, töten will. Sondern nur unsere Vorstellungen von einer von Männern dominierten Welt. Wir Männer sind auf Björks Platte Utopia willkommen – müssen aber unseren Platz aushandeln in diesem weiblichen Paradies. Damit verbietet sich unsere erste Frage von selbst, die wir am Anfang dieses Beitrags gestellt haben: nur ignorante Dorfdeppen würden Björk parodieren wollen!


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