Bayern 2 - Zündfunk


20

Das neue Album "Everything Now" Arcade Fire reißen die heile Welt ein

Alles, und das sofort: Mit “Everything Now” nehmen sich Arcade Fire die Konsumgesellschaft vor. Für die Metaebene sorgen sie mit digitalem Bohei, ein paar Songs gibt es auch, nur die Seele ist plötzlich auf der Strecke geblieben.

Von: Helen Malich

Stand: 28.07.2017

Arcade Fire | Bild: Sony

Eine runde Bühne, die Musiker und so viele Musikinstrumente darauf, dass sie sich während der Show aneinander vorbeischlängeln müssen. Aber diese Inszenierung im Brooklyner Prunk-Venue Grand Prospect Hall macht sich einfach gut im Stream. Das Releasekonzert von Arcade Fires fünftem Album „Everything Now“ wird via Apple Music publiziert. Nur wenig dringt von der Show an die Außenwelt, wenn man nicht ein Abo hat, auch die sozialen Netzwerke sind erstaunlich still. Ein, zwei Youtube-Videos mit schlechtem Sound sind einen halben Tag danach zu sehen. Und eine Ansage zwischen den Songs auf Twitter - Win Butler, der Donald Trump einen "Bully" nennt und feststellt: „Trans people are not disturbances“ – ein Kommentar auf die aktuelle Diskussion in den USA, ob Transgender vom Militär ausgeschlossen werden sollen. „Das alles ist leider kein Witz. Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns, gemeinsam.“ Ein klares politisches Statement und die Gewissheit, dass hinter Arcade Fire denkende Menschen stecken, kein multinationaler Konzern.

Mitte der Nuller Jahre können sich alle melancholischen Mädchen und Jungs auf eine Band einigen: Die kanadischen Arcade Fire veröffentlichen 2004 ihr Debütalbum „Funeral“. Sie beschäftigen sich mit der Isolation in den Vorstädten, mit Suizid und Einsamkeit. Die Themen sind auch heute, 13 Jahre und vier Alben später präsent, allerdings hat sich die Band aus Montreal um Win Butler und seine Frau Régine Chassagne zu einem Kunstprojekt entwickelt. „Everything Now“ ist ein Album und gleichzeitig ein Gesamtkunstwerk, das es mit der Konsumgesellschaft und dem digitalen Zeitalter aufnimmt.

Viel mehr als nur ein Album

"Everything Now" auf dem Cover wird je nach Erscheinungsland in die jeweilige Sprache übersetzt

Das Album als Teil eines Konzepts: Das kennen wir schon vom Vorgängeralbum „Reflektor“ aus dem Jahr 2013. Die Kommentare in den sozialen Medien, die Inszenierung auf der Bühne mit großen Pappmaschée-Köpfen, das alles konnte als Statement zur Kraft der Bilder gelesen werden. Im Informationszeitalter sind wir alle Reflektoren. Auch „Everything Now“ ist wieder als Gesamtkunstwerk konzipiert, aber das noch konsequenter. Arcade Fire haben Produkte erfunden, wie ein Müsli mit Ritalin und den E-Commerce Konzern „Everything Now Corp“, der die Social Media-Accounts der Band übernommen hat, weil sie sich selbst zu schlecht vermarkten. Das Ergebnis: Ein Musikvideo, in dem so viele Werbebanner und Popup-Ads auftauchen, wie es im schlimmsten Youtube-Albtraum nicht passieren könnte. Wie der Albumtitel schon sagt: Es gibt alles, und das sofort. Everything now.

Ein weiteres Thema: Fake News. Die Homepage "Stereoyum" ist gestaltet wie eine Musikwebsite, die es wirklich gibt, Stereogum. Hier findet sich eine persiflierte Vorab-Rezension des Albums – die tatsächliche Albumrezension der Original-Website klingt wirklich erschreckend ähnlich. Dazu zahlreiche Links und Querverweise zu weiteren Artikeln, die sich mit der Band befassen; ein Werbebanner mit einem Pinot Grigio, der aus dem Death Valley kommt. Beim Durchklicken muss man schon zweimal hinsehen, um zu erkennen, ob es echte Artikel sind oder Fake. Ein bissiger Kommentar auf das digitale Zeitalter, in dem alles, was wir tagsüber lesen, unseren Kopf vermüllt.

Es geht auch noch botschaftender: Der Song "Infinite Content" spielt mit der Konsumgesellschaft: Content - das englische Wort für Inhalt oder Kram, content - die Zufriedenheit. Was macht eigentlich mit all dem Kram noch wirklich glücklich? Zugegeben, die Frage ist nicht neu: Kritik an der Konsumgesellschaft und ein vorsichtiger Umgang mit den Medien lernt man heute schon in der Schule. Allerdings haben Arcade Fire bei der Umsetzung penibel aufs Detail geachtet.

Viel Inhalt für wenig Song?

Arcade Fire haben also Überbau, und das ziemlich demonstrativ. Oh, wie toll, eine denkende Band, ein gesellschaftskritisches Thema wie „The Wall“ von Pink Floyd.

Mehr Kollektiv als Band: Arcade Fire

Das alles wäre fast zu prätentiös, gäbe es nicht auch die tanzbaren Songs, die das Publikum zum Wabern bringen. Dabei hatten sie auch wieder Unterstützung im Studio. Diesmal nicht von James Murphy und seinem LCD Soundsystem, sondern von Thomas Bangalter (Daft Punk), Steve Mackay (Pulp) und Geoff Barrow (Portishead), ebenfalls an den Reglern: Arcade Fires Haus- und Hofproduzent Markus Dravs. Das Ergebnis ist ein irrsinnig breites Spektrum an Stilen: Mal 70er Jahre Disco-Flair, mal mit 80er Jahre Synthies im Gepäck, bei „Chemistry“ schleicht sich Dub ein, bei „Infinite Content“ der Punk und auch der Folk. Der einheitliche Guss, der vielleicht manchen zu klebrig daher kommt, unterstreicht wieder das Gesamtkonzept, wie ein Fotofilter, der viel zu leicht aus unterschiedlichen Welten und Sichtweisen Einheitlichkeit vortäuscht.

Highlights sind „Good God Damn“, das durch den treibenden Funk fast den Inhalt überhören lässt: Hier steigt die alte Bekannte Weltschmerz mit Suizid-Gedanken in die Badewanne und lässt zur musikalischen Untermalung die erste Arcade Fire-Platte spielen. Auch großartig: „Electric Blue“, bei dem Sängerin Régine Chassagne das Rampenlicht bekommt. Ist der Song vielleicht eine kleine Hommage an David Bowie, der 2013 mit der Band im Studio, und 2014 auch auf der Bühne stand?  In Bowies „Sound & Vision“ singt er: "Blue blue electric blue, that’s the color of my room“. Electric Blue, weil der Fernseher flimmert - und da sind wir wieder bei der Kritik an all den Medien, die auf uns einrieseln und den Kopf verstopfen.

Schluss mit heile Welt

Die menschliche Seele, die bei dem Überangebot und den vielen blinkenden Werbebannern ein bisschen zerbricht, findet auf „Everything Now“ nur zwischen den Zeilen Zuflucht. Es gibt Fans, die sich in der aktuellen Weltlage vielleicht von Arcade Fire nicht Sarkasmus, sondern "Heile Segen" und einen sicheren Hafen gewünscht hätten. Aber genaues Hinsehen ist besser, als den Kopf in den Sand der Filterblase zu stecken, die uns eine heile Welt nur vorgaukelt.

Wer wie einige Fans hofft, das Gesamtkunstwerk „Everything Now“ verstanden zu haben und nun auf eine B-Seiten-Veröffentlichung mit den echten neuen Songs wartet, kann sich in der Zwischenzeit das Musikvideo zu „Creature Comfort“ mit einem Spiegel ansehen. Zwischen den gespiegelten Zeilen wollen einige schon die wahre Message gesehen haben.


20