Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: Algiers Die Apokalypse ist nahe – und die Algiers machen den Sound dazu

Die Algiers aus Atlanta wären die Band der Wahl, bevor die Apokalypse über uns alle hereinbricht. Ihr Doom-Gospel-Punk-Sound ist ziemlich einzigartig, genauso wie ihre Haltung. Auf dem zweiten Album "The Underside Of Power" widmen sie sich allem, was aktuell den Bach runtergeht - aus der Sicht der Black Panther-Bewegung.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 03.07.2017

Das Album beginnt mit dem Track "Walk Like A Panther" und Auszügen einer Rede von Fred Hampton, in der er sagt: "Wenn ich gehe, dann erinnert euch an meine letzten Worte, die mir über die Lippen kommen: Ich bin ein Revolutionär. Und ihr müsst das für mich weitertragen." Fred Hampton war Jura-Student und Führer der schwarzen Black Panther-Bewegung in Chicago. Er wurde 1969 unter mysteriösen Umständen von der Chicagoer Polizei erschossen - mit nur 21 Jahren, im Schlaf. Damit ist die Agenda der Algiers auf "The Underside Of Power" klar: Fred, der Kampf geht weiter.

Die Algiers kommen aus Atlanta, Georgia und haben mit Franklin James Fisher einen schwarzen Frontmann, der Rest der vierköpfigen Band ist weiß. Sie haben dem Sohn von Fred Hampton, ebenfalls politisch engagiert, einen Brief geschrieben. In dem erklären sie, warum sie seinen Vater so bewundern:

"Wir wuchsen im Süden Amerikas in den 80ern und 90ern auf. Da hatten wir wenige militante politische Anführer, die mit Ihnen und ihrem Vater vergleichbar wären - vor allem keine, die uns dabei geholfen hätten, herauszufinden, wie man auf die anhaltende Spirale der Gewalt gegen schwarze und braune Menschen eine Antwort finden kann. Wir hatten das Gefühl, dass unser Amerika unter Reagan, Bush und Clinton ethisch bankrott war. Die Worte Ihres Vaters gaben uns eine endlose Quelle der Inspiration, um - wie MalcolmX einst sagte - die 'miserablen Zustände, die auf dieser Welt herrschen', zu ertragen."

Gospel-Punk statt Agit-Rap

Gerade jetzt, wo Jay Z auf seinem neuen Album den erbärmlichen, unpolitischen Zustand von Hip Hop anprangert, retten die Algiers mit ihrem Gospel-Punk nicht die Welt. Aber sie geben ihr ein kleines Stück Würde zurück. Im Song "Cleveland" zählen sie reale Namen von toten und vermissten Personen auf, die längst vergessen sind - außer von ihren Angehörigen.

Aber nicht alles auf "The Underside Of Power" ist direkt politisch, die Algiers suchen das Politische auch im Privaten. Der Song "The Cycle" kommt zweideutig daher, wie so vieles bei den Algiers: Vordergründig geht es um rassistisch motivierte Gewalt, im Kern handelt der Song jedoch von häuslicher Gewalt. Ein Grund, warum sich die Eltern von Sänger James Fischer haben scheiden lassen. Der Song "Hymn For An Average Man" ist inspiriert von Hannah Arendts These, dass das Böse nicht nur Monstern innewohnt, sondern im Banalen liegt - oft genug im banalen, durchschnittlichen Mann.

In den Texten der Algiers finden sich sehr viele Referenzen: Biblische Verse, Albert Camus, Che Guevera, Malcolm X. Aber es ist auch eine musikalische Schatzsuche, angefangen bei Portishead. Denn Portishead-Mitglied Adrian Utley hat mit produziert. Neu in der Band ist der ehemalige V8-Motor von Bloc Party, Drummer Matt Tong. Auch das hört man. Besonders spannend wird es, wenn sich die Algiers als Doom-Gospel-Band dem Northern-Soul annehmen, wie auf dem Titeltrack "The Underside Of Power", vielleicht der beste Song der Platte. Inspiriert von The Clash.

Auch wenn der Untergangs-Sound das manchmal denken lässt, die Algiers sind mit unserem Album der Woche weit entfernt davon, zu resignieren. Brexit, Trump, der alltägliche Rassismus in den USA, hier werden Probleme benannt, weil die Algiers keinen Fußbreit zurückweichen. Und vielleicht braucht es heute nicht viel mehr, um ein kleiner Revolutionär zu sein. Der Kampf geht weiter, Algiers.


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