Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: The War on Drugs The War on Drugs im freien Hall der Achtziger

Mit dem vierten Studioalbum entdecken The War on Drugs die 80er wieder - mit fetten Reverb-Drums und schmachtenden Texten. Eine Irrfahrt in die Seele von Frontmann Adam Granduciel.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 28.08.2017

„A Deeper Understanding“ – eine tiefere Einsicht. Mit diesem Titel meint das dritte Album von The War On Drugs nicht etwa eine hochphilosophische Abhandlung des Menschseins und liefert auch keine neuen harten Fakten zur Lage der Welt. Dieses Album der Band aus Philadelphia dreht sich ausschließlich um das emotionale Innenleben des Frontmanns Adam Granduciel.

Überinterpretieren ist hier nahezu unmöglich. Titel von Alben und Songs gehören unermüdlich beackert, wie auch Adam Granduciel sich selbst untersucht. Während das Herzstück des letzten Albums noch „Red Eyes“ war und genau dafür stand: Rote Augen, schlaflose Nächte, Strukturlosigkeit, manisches Arbeiten – so macht „A Deeper Understanding“ klar, dass Adam Granduciel einen ganzen Schritt vorangekommen ist: näher an sich selbst. Wenn auch noch nicht entspannt. Und auch davon zeugen Songtitel: Pain – Schmerz. – Knocked Down – Zerlegt. In Chains – in Ketten.

Viel Liebe für die 80er

Adam Granduciel  singt schon im ersten Song davon, dass er endlich ins Licht treten würde. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen – er tritt ins Rampenlicht. Nach der letzten Platte spielten The War On Drugs in immer größeren Hallen. Das hat sich ausgewirkt. Zwar ist der Sound dieser Band noch immer voller unbestimmter Sehnsucht, aber nun ist er auch: teuer. „A Deeper Understanding“ ist eben das erste Album der Band für das große Traditionslabel „Atlantic Records“. Vielleicht wird deshalb die Liebe zu den 80er Jahren deutlicher. Jeden Moment - so scheint es - könnten Kate Bush, Fleetwood Mac oder Bryan Adams um die Ecke kommen.

Auf dem Weg zur bescheidensten Stadionband der Welt

In das Licht tritt Adam Granduciel dann aber eben doch auch metaphorisch. Er leuchtet sich selbst aus. Ob jetzt sein Echolot unbedingt dieser 80er-Hall sein muss? Geschenkt, wenn sogar Songs mit einer Länge von über elf Minuten so feinmaschig gesponnen sind. Alles sitzt, wackelt, hat Platz. Der Sound von War On Drugs hat an Tiefe gewonnen, erstreckt sich jetzt wie ein Relief. Und das steht ihm ausgesprochen gut.

Nichts ist modern an diesem Album. Es will sich zwischen seine Vorgänger drängen, die schon seit 30 Jahren als Vinylbestand in einem Plattenregal stehen. Im Jahr 2017 wäre vielleicht doch auch etwas Politik schön gewesen. Oder ein bisschen Trost für uns alle, nicht nur für Adam Granduciel, der sich sehr oft einfach selbst genügt. Mit dem Album „A Deeper Understanding“ haben sich The War on Drugs  perfektioniert. Aber ihnen auf dem Weg zur bescheidensten Stadionband der Welt zuzuhören – das macht Spaß.


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