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Album der Woche: The Beatles Warum Sgt. Pepper in Stereo besser ist als Virtual Reality

Diese Woche wird Sgt. Pepper 50 Jahre alt. Zum Jubiläum gibt's ein vollgepacktes Re-Release mit jeder Menge Extras. Die eigentliche Sensation ist aber die neue Stereo-Mischung. So hat man Sgt. Pepper noch nie gehört.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 30.05.2017

Sgt Pepper | Bild: picture-alliance/dpa

50 Jahre sind lang, sehr lang. Vor 50 Jahren wurde Noel Gallagher geboren, Lyndon B. Johnson war 1967 Präsident der USA und der Summer Of Love lief gerade so richtig heiß. Mittendrin: vier Jungs aus Liverpool, die Beatles - und Sgt. Pepper.

Am 1. Juni 2017 wird “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” 50 Jahre alt. Das bunteste Album der Beatles - und damit meine ich nicht das 3.000 Pfund teure Cover mit den vielen collagierten Köpfen. Sgt. Pepper war die Reaktion der Beatles auf “Pet Sounds” von den Beach Boys, die war ein Jahr vorher rausgekommen. Nie haben John und Paul mehr ausprobiert, nie waren sie krachiger unterwegs, nie waren sie großzügiger: sie ließen sogar zu, dass George sein eigenes Sitar-Stück bekommt. Und vor allem machten sie einfache Melodien kompliziert, weil die Welt genauso war: kompliziert. Und da die Welt noch vielstimmiger geworden ist, ist Sgt. Pepper heute immer noch so relevant - bis auf den Sound.

Stereo Total

Und jetzt wird es kurz nerdig: Das Album wurde vor 50 Jahren in den Abbey Road Studios vom sogenannten fünften Beatle George Martin und Tontechniker Geoff Emerick aufgenommen - in mono. Erschienen ist Sgt. Pepper später in stereo, aber die Stereo-Abmischung hat damals nur 45 Minuten gedauert. Stereo war damals also nur ein Abfallprodukt - und wir haben knapp 50 Jahre diesen Abfall gehört. Bis jetzt: Die letzten lebenden Beatles Ringo und Paul haben Giles, dem Sohn von George Martin, die Mono-Spuren der Aufnahmen anvertraut, um endlich einen ordentlichen Stereo-Mix daraus zu machen. Und das ist ihm richtig gut gelungen.

Der sechste Beatle

Die Beatles klingen hier fast wie eine aufregende, neue Indie-Band. Die Frage ist nur: Wie weit darf man beim Facelifting gehen? Aber Giles Martin ist dafür viel zu demütig. Er weiß sehr genau, wer hier der Star ist: die Songs und nicht er - obwohl er als Kind einen Beatles-Kaltstart hatte.

"Ich hab in meiner Kindheit die Beatles nicht wirklich gehört. Ich hätte mir auch nie vorstellen können, dass ich mit ihrem Material arbeiten werde. Ich wollte das anfangs auch gar nicht. Es ist eine Ehre, aber ich hatte nie Ambitionen. Dann verlor mein Vater sein Gehör, ich arbeitete mit ihm, da war ich Anfang 20, das war auch das erste Mal, dass ich in den Abbey Road Studios die Tapes gehört habe. Ich schätze, ich habe die Beatles auf einem sehr privilegierten Weg lieben gelernt."

- Giles Martin, im Interview mit Jigsaw24

Und Giles schafft tatsächlich das Kunststück, Sgt. Pepper modern klingen zu lassen  - ohne das Original zu verhunzen. Auf CD 2 der Deluxe-Ausgabe gibt es dann noch viele unveröffentlichte Sgt. Pepper-Studiotakes - oder besser Outtakes: die Fab-Four diskutieren hier lautstark, verspielen und veräppeln sich, summen erstmal die Melodien, die wir später nur orchestral kennen. Das lässt uns richtig in die Sgt. Pepper Sessions eintauchen. So, als würde man hinter dem Studioglas in der Abbey Road stehen und zuschauen, wie eine der besten Platten der Pop-Geschichte entsteht. Dabei sagt man heute, dass so ein immersives Gefühl nur die virtuelle Realität liefern kann. Dank Giles Martin kann das auch eine alte Platte in Stereo.


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