Bayern 2 - Zündfunk


10

Album der Woche: King Krule - The Ooz Das Album "The Ooz" - Schleim, Rotz und Kotze

2013 hat ein dürrer rothaariger Junge mit einer unglaublichen Stimme die Pop-Landschaft verändert - Archy Marshall aus London: Notorischer Schulschwänzer, Kiffer, desillusionierte Außenseiter und plötzlich als Popgenie im Rampenlicht. Jetzt legt er nach.

Von: Noe Noack

Stand: 13.11.2017

"Ich und du gegen diese Stadt der Parasiten", rappt Archy Marshall in "Bermondsey Bosom". Auf seinem zweiten Album unter seinem Projektnamen King Krule stellt der 23-jährige die romantische Komplizenschaft gegen das durchgentrifizierte, lebensfeindliche, freudlose London. Der Rumtreiber stromert rastlos durch seine Stadt und findet keine Liebe. Nur Einsamkeit, Sprachlosigkeit und Dreck. Eine depressive Grundstimmung rauscht durch "The Ooze" und King Krule will diesen dunklen Seelenschlamm ausscheiden, aus allen Poren herausquellen lassen. All die widerlichen Säfte und Substanzen, die der Körper so produziert, haben Archy Marshall zum Konzept und Albumtitel "The Ooze" inspiriert. Der ganze Schleim und Rotz, die abgeschnittenen Haare und Nägel. Das Album sei wie - pardon - Kotze. Mit festen und flüssigen Stücken.

Der vertonte eklige Schmutz als Gegensatz zur glitzernden Popwelt. Und wieder das Etikett "Die Stimme seiner Generation", das man Archy Marshall nach seinem King Krule Debüt 2013 aufgeklebt hat. Aber catchy Songs will er nicht schreiben. Dieser Erwartungshaltung entzieht er sich auf dem neuen Album "The Ooz" fast durchgehend. King Krule schlafwandelt durch lange Jazz-Sequenzen und braucht keine griffigen Refrains. Endlose Bewusstseinsströme fließen durch "The Ooz". Die Songs scheinen frei improvisiert. Vor allem packt der Sog dieser unglaublichen Stimme, die murmelt, säuselt, brüllt, rappt, um dann wieder zärtlich-melancholisch zu croonen.

Von Einsamkeit und Nihilismus

Trotz der düster-verhangenen Grundstimmung auf "The Ooz" ist Platz für Witze und akrobatische Wortspiele. Archy Marshall reimt in "Biscuit Town" das Wort "bipolar" auf "Gianfranco Zola", den ehemaligen Fanliebling von Chelsea, der sich durch King Krules Träume dribbelt. Und neben all that Jazz wabert bekiffte Elektro-Psychedelik durch die Echokammer, klicken dunstige Beats auf schlingernden Soul, der neben der Spur eiert. Die scheinbar losen Enden seiner Geschichten, Träume und Sounds bringt King Krule aber stets auf den Punkt und lässt dann plötzlich die rumpelig groovenden Gitarren los.

"Half Man, Half Shark" ist eigentlich von seinem Vater geklaut. Sein alter Herr, ein Bühnenbildner, habe nebenbei Songs mit tollen Texten geschrieben, sich allerdings im betrunkenen Zustand in einen unangenehmen, pöbelnden Entertainer mit Gitarre verwandelt. Als Role Model schied er damit für Archy Marshall aus, der überwiegend bei seiner Mutter aufwuchs.

Die Kostümschneiderin lud regelmäßig Künstler und DJs zu ihren Parties ein. Durchtanzte Nächte mit viel Soul, Jazz, Funk, Reggae und Hip Hop. Erlesenes Soundfutter für das Wunderkind Archy Marshall. Schon mit zehn Jahren schrieb er eigene Songs, die er auf Kassetten aufnahm. 800 Songs hat er mittlerweile zusammen. 

Half Man, Half Zombie

Auf seinem neuen Album hat Archy Marshall all seine musikalischen Abenteuer auf 66 intensiven Minuten verdichtet. Im Song "Dum Surfer" schleppen sich King Krule und seine Band als wütende zähneklappernde Zombies durchs nächtliche London und spielen im Pub vor den Abgehängten und Deklassierten der Metropole.

King Krule stemmt sich auf "The Ooze" gegen den Nihilismus in seiner Stadt, singt wütend gegen die Teilnahmslosigkeit an und klingt dabei, als ob er dem Hörer gleich eine heiße Kartoffel aus seinem Mund entgegenspucken würde. Und versinkt im nächsten Moment wieder in lebensmüder Resignation. Dabei wird der lonely boy textlich und musikalisch immer besser und reifer. Je mehr wir davon hören, desto tiefer tauchen wir ein in diesen Soundtrack der urbanen Einsamkeit.


10