Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: DJ Hell Allzeit bereit

Nach sieben Jahren wieder ein Album von Helmut Geier. Der DJ aus Altenmarkt in Oberbayern verbindet krautige Elektronik mit aktuellen Clubsounds. Und er widmet die Platte der Gay Culture, die in den USA der 80er den House hervorbrachte.

Von: Ralf Summer

Stand: 09.05.2017

Er ist schleppend und schlüpfrig, der Einstieg in die Platte "Zukunftsmusik". Denn der Opener "Anything Anytime" kommt daher wie ein freizügiges Liebeslied aus der Frühphase von Air. DJ Hell feiert damit aber die Gay Culture. "Anything Anytime" meint "allzeit bereit" und wird im sogenannten Hanky Code signalisiert, den verschieden farbigen Einstecktüchern der schwulen Männer. "Das sind farbige Stofftücher, die man sich hinten in die Gesäßtaschen steckt", erklärt DJ Hell, "und womit man(n) seine Vorlieben oder Fetische preisgibt. 'Aktiv' ist links, wenn das Tuch rechts steckt, meint es 'passiv'. Und 'Anything Anytime' ist Orange, meine Lieblingsfarbe. Das heißt 'jederzeit, was auch immer, egal wo'."

Komplett offensichtlich wird Hells Verbeugung vor der Schwulenkultur bei "I Want U". Das Video zum Techno-Track wurde aus Bildern von Comics des Künstlers Tom of Finland zusammengesetzt. Der Finne wurde für seine homoerotischen Illustrationen bekannt. Hell ist zwar Hetero, aber er sagt, dass die heutige Dance-Welt vieles der Gay Culture verdankt - vor allem der afro-amerikanischen Schwulenkultur der 80er Jahre in Chicago und New York, in der House Music erfunden wurde: "Ich designe gerade Handtücher, Vorhänge und T-Shirts mit der Tom of Finland-Foundation. Da platziere ich mich ganz klar pro-gay. Darauf beruht mein Leben als DJ und Produzent."

Hell ist ein großer Ideen-Sammler und Musik-Sampler. Die 70er und 80er Jahre sind auf "Zukunftsmusik" nicht zu überhören. Vor allem die frühen Kraftwerk oder der elektronische Krautrock von La Düsseldorf stechen heraus, wie in Hells zweiter Single "Car Car Car." "Dein Auto kennt den Weg, abgestellt am Asphalt-Laufsteg", lässt Hell den Vocoder sprechen, eingespielt im Studio von Peter Kruder in Wien, der von Kruder & Dorfmeister bekannt ist.

Kraftwerk, weitergedacht

Große Produzenten wie Trevor Horn, Conny Planck oder Dr. Dre – Leute, die genau wussten, wie alles zu klingen hat, von ihnen ist Hell Fan: "Ich seh immer die Produzenten im Vordergrund, die etwas weiter entwickeln. In dem Fall bin ich der Produzent und Ideengeber und nun auch Textschreiber. Ich bin nicht zufrieden mit einem normalen Clap-Sound, das muss anders oder moderner klingen und das ist oft auch ein Zurückgehen. Ich saß im Studio und dachte, wie kann man Kraftwerk noch weiterdenken? Sie hatten ja 'Trans-Europa-Express' und 'Autobahn' gemacht, aber noch nichts über das Automobil. Daher mein 'Car Car Car'. Inklusive Sounddesign für elektronische Autos, was ja im Text am Ende des Liedes auch vorkommt."

Im Song "Wir Reiten Durch Die Nacht" erklingt eine Frauenstimme, die an den Avantgarde-Sound von Laurie Anderson aus den 80ern erinnert. Hell ist fasziniert von der Cut-Up-Technik, die William S. Burroughs benutzte - auch David Bowie textete so. Mit "Army Of Strangers" hat Hell auch einen Titel auf der Platte, den er für Bowie geschrieben hat. Über eine Ex-Freundin von Iggy Pop in Frankfurt wollte er Kontakt zu ihm aufnehmen, doch dann kam Davids Tod dazwischen.

Vorwärts in die Vergangenheit

Ein Schmankerl kommt am Ende der Platte: "With You" ist eine Coverversion von "Mit Dir". Das Stück hat Hells Kumpel Robert Görl für seine damalige Freundin Annie Lennox geschrieben. Görl, der Schlagzeuger von DAF, der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft, war in den 80ern eine Zeitlang mit der Eurythmics-Sängerin zusammen. Hell wollte es auf Deutsch haben, aber Rob von den Stereo MCs liess es sich dann doch ins Englisch übersetzen. 

Unser Album der Woche, "Zukunftsmusik", blickt nach vorne, indem es sich umdreht und für besondere Momente der Pop-Geschichte einen neuen Platz in der Gegenwart findet. Ein Plan, der hinhaut - vor allem im ersten Teil der Platte, der klasse Retro-Futura ist. Im zweiten Teil kommt Hell dann in der Club-Gegenwart an. Pop als Zeitreise, das gute alte Album als Zeitmaschine.


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