Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche Wie Destroyer auf The Cure macht

Das 12. Solo-Album von Dan Bejar, auch bekannt als Mitglied der kanadischen Indie-Band The New Pornographers. Seine Soundvorlage waren diesmal The Cure: er wollte ihren "dunkelgrauen" Klang auch für sich haben. Der Zündfunk präsentiert Destroyer am 18.11. in München im Ampere.

Von: Ralf Summer

Stand: 24.10.2017

Er ist der Musiker mit dem gewissen Etwas, dem Glanz, dem Schimmer, dem großen Schwelgen. Dan Bejar ist der Mann hinter der Band Destroyer. Und eine Textmaschine, die gern verschlüsselt arbeitet. Manchmal singt er mit gespaltener Zunge, so dass man sich ständig fragen muss: welche Figur spricht jetzt zu uns? Gleich beim ersten Stück seines neuen Albums "ken" adressiert er an ZITAT "junge, revolutionäre Kapitalisten", behauptet dann, ein Bräutigam liege in der Gosse während sich die Braut sich selbst bepisst. Und er? Schreibt an einem neuen "Oliver Twist". Singt er. So weit, so kryptisch.

Eine Album für den Oktober

Der Song  "Sky's Grey" weist musikalisch schon den Weg: Destroyers zwölfte Platte klingt leicht bewölkt und verhangen, es herrscht Wechsel-Stimmung, so unterschiedlich wie der Oktober. Geschrieben wurden die meisten Songs im Hotel, als Bejar allein auf Akustik-Tour durch die USA unterwegs war. Um sie gleich am nächsten Abend vor Publikum zu testen. Fürs Album schichtete er aber viel drumherum. Die Synthies blubbern und die eleganten Bassläufe erinnern an die goldenen Tage von New Order in den 80ern.

"Tinseltown Swimming In Blood" ist die Single und handelt von Hollywood. Tinseltown ist das altmodische Wort für die Traumfabrik. Es ist aber hier nicht klar, ob Bejar der Träumer ist, der vor dem Blut, das durch diese Stadt fließt, flüchtet. Seine Ich-Perspektive hält nicht lange an und wird bald von einer Trompete verblasen.

Dan Bejar bevorzugt meist zarten Klang, er lässt die Instrumente gleiten, setzt seinen Gesang ganz vorsichtig drüber, so als wolle er das Lied nicht durch seine Stimme erschrecken. Doch ab und an bricht seine Erfahrung als Mitglied der kanadischen Indie-Band The New Pornographers durch und er beginnt kurz und knackig zu rocken. Er ist stolz, sagt er, dass er es seit den 90ern endlich wieder mal geschafft hat, Songs unter drei Minuten zu schreiben.    

Auf Kneipentour mit Shakespeare und den Smiths

In "Cover From The Sun" zieht Dan Bejar mit Shakespeare und den Smiths durch ein paar Bars. Wieder ein Verweis auf die Arbeitsweise von Destroyer: er liest quer, hört quer und baut seine Lyrics über Versatzstücke auf. Der Albumtitel "ken" bezieht sich zum Beispiel auf einen Song der 90er-Brit-Pop-Band Suede. Aber wer weiß schon, dass der Suede-Song "The Wild Ones", der es Bejar so angetan hat, früher eigentlich "ken" hieß?

"Saw You At The Hospital" entstand, als Bejar in der Schweiz auf Tour Lungenentzündung bekam und drei Tage Antibiotika nehmen musste. In "Ivory Coast" leiht er verarmten Piraten seine Stimme. Es ist ein Stück mit flirrendem Gitarren-Effekt und plötzlich blitzt bei Destroyer kurz Cocteau Twins-hafte Shoegazer-Eleganz auf. Doch eine andere Band aus den 80ern stand für diese Platte Pate: die Sound-Vorlage waren The Cure. Weil sie so schön "dunkel-grau" klingen, wie Dan Bejar in einem Interview sagt.

Er nennt es Euro-Blues

Am Ende wird die Platte dann politisch. Sie entstand, als Donald Trump Präsident wurde. Das letzte Stück "La Regle Du Jeu" - "Die Spielregel"- singt Dan Bejar auf Französisch. Es sollte einen positiven Euro-Beat haben, aber inhaltlich pessimistisch sein wie ein heraufziehendes Unglück. Und den Amerikanern in einer Sprache vorgesungen werden, die sie vielleicht hassen: eine Art französisches Mantra auf ihrem Totenbett. Die genauesten Beobachtungen kommen oft aus dem benachbarten Ausland. Unser Album der Woche verkörpert das, was der Kanadier "Euro-Blues" nennt. Melancholie, zu der man tanzen beziehungsweise schwelgen kann. Groß schwelgen.


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