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Album der Woche: "Face your Fear" Warum Curtis Harding zwar retro, aber voll im Hier und Jetzt ist

Curtis Harding's zweites Album ist ein Phänomen: zeitgemäß trotz Retro-Soul. Das liegt an den modernen Texten und den ausgeschlafenen Produzenten Sam Cohen und Danger Mouse. Eine weitere Verfeinerung bereits bestehender Spielarten.

Von: Roderich Fabian

Stand: 30.10.2017

Früher war bestimmt nicht alles besser. Aber dass eine gewisse Sehnsucht nach alten Zeiten besteht, bemerkt man allein schon an der Tatsache, dass es spätestens seit Amy Winehouse so etwas wie Retro-Soul als eingeführtes Genre gibt. Künstler wie die Mayer Hawthorne und Michael Kiwanuka und alle Musiker des New Yorker Daptone-Labels bedienen sich der Sounds und Produktionsweisen der Sixties und Seventies, als wäre seitdem nichts mehr Wesentliches in der Popmusik passiert. In diese Schublade gehört auch Curtis Harding, der gerade sein zweites Album "Face your Fear" veröffentlicht hat.

Curtis Harding - Stell dich deiner Angst!

"Face your Fear", "Stell dich deiner Angst" - das könnte auch der gute Rat eines Psychoanalytikers sein. So nennt Curtis Harding sein zweites Album und meint dazu: "Der Titel wurde durch einen Alptraum inspiriert, eine düstere Ahnung, deren Bann erst durch die Klarheit des Erwachens gebannt wird. Und dann wird einem bewusst, dass man sich keine Sorgen machen muss, dass es okay ist, sich seinen Ängsten zu stellen."

Klingt nicht sehr nach Sixties, nach Aufbruch und Aufstand, sondern nach einer sehr abgeklärten Position im Hier und Jetzt. Und es ist ja momentan auch eher so, dass die Zukunft nicht wirklich eine Verheißung ist, sondern sehr, sehr ungewiss erscheint.

Die Zukunft ist keine Verheißung, sie ist ungewiss

Es ist aber auch nicht so, dass Curtis Harding's Platte eine düstere Dämonen-Austreibung wäre, dazu wirkt sie insgesamt doch zu lässig. Der Retro-Soul, den der Singer/Songwriter hier präsentiert, borgt sich einiges von einem Star der Szene: von CeeLo Green, die Stimme des Riesenhits "Crazy" von Gnarls Barkley. Das ist kein Wunder, hat Harding doch einige Jahre als Background-Sänger in Greens Band verbracht. Und er beherzigt einen Rat seines Vorbilds:

"Er hat immer gesagt: Du musst mit deinen Songs keine Morde begehen, es reicht ein ganz normaler Anschlag."

Green und Harding kennen sich aus der Szene von Atlanta, Georgia. Und diese alte Seilschaft wirkt auch auf einem der besten Tracks des Albums nach: "Wednesday Morning Atonement" hat nämlich Danger Mouse produziert, der geniale Gnarls Barkley-Produzent, der ein Herz für Retro hat, dem es aber immer gelingt, seinen Arbeiten auch einen aktuellen Touch zu geben, etwa indem er hörbar Samples verwendet statt im Stile der alten Zeiten nur Live-Musiker zu beschäftigen.

Für die Produktion aller weiteren Stücke von "Face your Fear" war aber ein anderer zuständig: Der 38-jährige Sam Cohen aus New York, der im letzten Jahr auch schon das ähnlich gelagerte Kevin Morby-Album "Singing Saw" produziert hatte. Cohen arbeitet oft eng mit Danger Mouse zusammen, gemeinsam erfinden sie seit Jahren die musikalischen Sixties mit elektronischen Mitteln neu. Das hört man dem Curtis Harding-Album immer wieder an, beispielsweise auf dem Fake-Motown-Track "On and on".

Verschiedene Genres, in einem Topf verrührt

Klar, irgendwie ist das nah bei Smokey Robinson und den Temptations gebaut, aber schon der nächste Track klingt dann wieder ganz anders, nach Psychedelic Rock oder dem Inner-City-Blues eines Marvin Gaye. Curtis Harding ging es nach eigenen Worten um eine Synthese:

"Ich habe Elemente aus verschiedenen Genres verwendet, in einem Topf verrührt, um etwas Neues entstehen zu lassen."

So richtig "neu" klingt das insgesamt natürlich nicht, aber die moderne Popmusik ist ja schon längst nicht mehr durch Innovation geprägt, sondern durch die permanente Verfeinerung bereits bestehender Spielarten. Und in diesem Feld leisten Curtis Harding, Sam Cohen und Danger Mouse dann auch ganze Arbeit. Und wenn das ganze Album auch noch geholfen hat, Hardings Ängste in den Griff zu bekommen, kann man nur sagen: Therapie beendet, Patient wohlauf.


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