Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche Warum Courtney Barnett & Kurt Vile das (Duett-)Album des Herbstes abgeliefert haben

Duett komplett: das neue musikalische Traumpaar - die australische Indie-Rockerin trifft auf den US-Indie-Folker zu einer entspannten Partie Gitarren-Swing auf der Veranda, an der das Wasser plätschert. Da die beiden ja nur Gitarre spielen und singen, haben sie Musiker befreundeter Bands eingeladen: von Warpaint, Dirty Three und den Bad Seeds. Auf Tour wird auch Courtneys Frau Jen Cloher mitspielen - ebenso wie MusikerInnen von Sleater-Kinney und den Wild Beasts.

Von: Ralf Summer

Stand: 10.10.2017

Mit der ersten Strophe von "Over Everything" deutet Kurt Vile an, worum es auf dieser Platte geht: Musiktherapie für suchende Seelen: "Immer wenn ich alleine bin, so richtig einsam, dann will ich nur noch meine Gitarre nehmen und ein Blues-Riff spielen, mehr als alles sonst in der Welt." Früher, so singen sie, wollten sie Musik spielen so laut es geht. Jetzt lassen sie es lieber etwas leiser angehen - und hören einander am liebsten unter dem Kopfhörer.

Courtney Barnett aus Melbourne und Kurt Vile aus Philadelphia sind beide gute Bekannte im Zündfunk: sie landete gleich mit ihrem ersten Album "Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit" auf Platz 3 unserer Jahres-Charts 2015. Und Kurt Viles letztes Album "B'lieve I'm Goin Down..." erschien vor zwei Jahren - die Platte des Ex-War On Drugs-Musikers landete aber nicht so weit oben in den Jahresbestenlisten. Dass Courtney Kurts Musik schon länger toll findet, verriet sie 2015 in einer Sendung für unsere BR-Kollegen von PULS:

"Ich habe Kurt Vile vor ein paar Jahren entdeckt. Sein 'Smoke Rings For My Halo' habe ich dauernd gehört, es ist eine der am besten klingenden Platten überhaupt. Ich musste dann auch unbedingt seine nächsten Alben haben. Er ist ein einfach ein toller Songwriter. Erst hab ich seine Konzerte nur besucht, dann hab ich auch live mit ihm gespielt. Als wir uns unterhalten haben, hab ich bemerkt, dass Kurt auch ein echt cooler Hund ist!"

Courtney Barnett über Kurt Vile

Eine gemeinsame Platte als eine Verbeugung voreinander

Dass sie sich echt respektieren, sieht man auch anhand der beiden Wechsel-Cover auf dem Album: Courtney singt Kurts "Peepin' Tomboy" und Kurt interpretiert Courtneys "Out Of The Woodwork". So wird die gemeinsame Platte auch zu einer Verbeugung voreinander. Und zum Beweis dafür, dass man Duette nicht nur aus Erfolgsgründen macht - von wegen: "wenn wir noch Sängerin A oder Rapper B für ein Feature gewinnen könnten, würden wir besser verkaufen". Und das Schöne bei einem Nicht-Pärchen-Duo ist auch: man sucht als Fan gar nicht erst nach dem Verbindenden oder den Sollbruchstellen ihrer Beziehung - man kann die Platte als Ergebnis einer sorgsam gepflegten Freundschaft zwischen Frau und Mann hören. "Ich genieße meine interkontinentalen Freundschaften, wir reden beim Continental Breakfast, in einem Hotel in Ost-Irgendwo, wir kommunizieren durch die Sphäre, und abends schaukeln die Wellen, die hereinkommen, die Veranda, auf der ich sitze. Fühlt sich so an, als ob ein Geist die Hände im Spiel hätte."

"Continental Breakfast" ist die zweite Single der Beiden. Wie auf ihren Solo-Platten auch, sind Courtney und Kurt eher Refrain-Vermeider: sie chatten eher als sie texten, reihen Strophe an Strophe, die dann durch  Wiederholung zu einer Art Ersatz-Hookline werden. Und es einem schwer machen, die Songs mitzufeiern, mitzusingen. Trotzdem kann man sich gut drauf einlassen. Und am Ende, beim letzten Lied mit dem tricky Titel "Untogether", singen sie nicht nach - sondern miteinander. Die Frequenzen passen - wie der Vibe: die Stimmen schmiegen sich umeinander wie verliebte Halme.

Unser Album der Woche "Lotta Sea Lice" ist eine angenehm-altmodische klingende Duett-Platte wie sie Nancy Sinatra und Lee Hazlewood hätten machen können, wenn sie wie Mine & Fatoni texten würden. Eine grundsympathische Platte mit dem Zeug zum Herbst-Konsens.


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