Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: Cigarettes After Sex Diese Band stellt Liebe auf Zeitlupe

Diese New Yorker Band ist der Noch-Geheimtipp gepflegter Melancholie: Cigarettes After Sex schenken dem vergessenen Genre "Sad-/Slowcore" neue Aufmerksamkeit. Und sorgen für eine gerunzelte: Singt da eine Frau – oder ein Mann? Für diese musikalische Slow-Mo stand übrigens Michael Jackson Pate.

Von: Ralf Summer

Stand: 06.06.2017

Eng umschlungen tanzen - und im Bett landen, nebenbei flackert eine Kerze. So schön war es mit K. Doch K. ist weg. "Kristen come right back" singt nun G., besser gesagt Doppel-G. Denn der Sänger der Cigarettes After Sex heißt Greg Gonzalez. Er verarbeitet emotionale Hoch- und Tiefpunkte seiner Beziehungen in der Musik. Und das auf eine derart einnehmende kitschige Art, dass Fans und Journalisten um die Wette metaphern: Diese Band füllt die Lücke zwischen The xx und Lana Del Rey, heißt es. Oder auch: Nie klang traurige Musik schöner. Ich mache mit: Lieder, die langsamer verglimmen, als eine Zigarette, an der keiner zieht.

Der Song "Each Time You Fall In Love" der Band hat es schon in die Zündfunk Topp Träxx geschafft und im Netz gibt es Stücke von Cigarettes After Sex, die über 50 Millionen Klicks haben. Aber wie kam das alles? Als Kind war Greg Gonzalez großer Michael Jackson-Fan. Es gibt ein Kindergeburtstags-Video, auf dem er "Thriller" mitsingt. Greg lernt Gitarre und guckt Filme. Sein Vater arbeitet in einer Videothek und die Familie darf sich alle VHS-Tapes umsonst ausleihen.

So lässt sich auch das Faible für die cineastischen Sounds seiner Band erklären: "Ich konnte mich immer in Filme reinfallen lassen. Ob 'Jurassic Park' oder 'Citizen Kane' - ich habe sie alle sehr früh als Kind gesehen. Viele haben mich geformt. Sie sind lebenswichtig für mich. Später habe ich auch im Kino gejobbt. Ich liebe Filme und mag Musik, die wie ein Soundtrack daherkommt: melancholisch, tief bewegend. Songs sind dann groß, wenn sie Bilder auslösen. Was ich heute noch gern mache: Einen Film ohne Ton abspielen und dazu auf der Gitarre eigene Musik komponieren."

Cat Power? Nein, Greg Gonzales.

Beim ersten Auftritt der Cigarettes After Sex im Münchner Strom Club im vergangenen Herbst waren zwei Drittel der Besucher weiblich. Und die Überraschung groß, als klar wurde, dass da keine Frau am Mikrofon steht, sondern ein Mann: Greg Gonzalez eben, der schüchterne Typ in schwarzen Jeans und ebensolcher Lederjacke.

Den Vergleich mit einer Frauenstimme wie der von Cat Power kennt er. Nimmt er aber als Kompliment: "Ich höre gern Francoise Hardy – oder Hope Sandoval und Julee Cruise. Ich mag Frauenstimmen lieber als Männerstimmen. Als ich 2012 die ersten Lieder für Cigarettes After Sex aufgenommen habe, habe ich versucht, ihre Stimmen nachzuahmen. So habe ich mir diese hohe und brüchig klingende Stimme erarbeitet. Sie passt zu mir, sie ist in mir. Von männlichen Stimmen mag ich Chet Baker am liebsten, aber er klingt ja auch androgyn. Richtig geschmeichelt fühle ich mich von weiblichen Stimmen."      

Zwischen cineastischem Pop und Über-Kitsch

Das namenlose Debüt von Cigarettes After Sex klingt nach Slowcore, dem fast vergessenen Genre aus den 90ern mit Indie-Folk-Balladen im Zeitlupen-Tempo. Greg Gonzalez ist Fan: "Ich liebe die Red House Painters. Sie waren ein großer Einfluss auf uns. Das war die Band von Mark Kozelek, den man heute solo kennt. Er ist ein klasse Texteschreiber und der Sound seiner Gruppe hat dieses introvertierte Mitternachts-Feeling. Unsere Songs sind schwer an ihren 'Sad- oder Slowcore'-Sound angelehnt. Manche nennen es auch 'Dreampop'. Viele Musiker stören sich an diesen Begriffen, ich nicht. Dabei benutzt sie jeder Musiker. Ich hab sie oft in Blogs wie Pitchfork gelesen. Sie helfen dem Fan beim Navigieren. Du findest schneller Bands, die ähnlich klingen."    

Den proto-romantischen Namen hat die Band von einem bewussten Genuss-Raucher bekommen: Greg Gonzalez ist das Ritual heilig - die Kippe sollte wie ein Glas Champagner behandelt werden. Mit wenigen Mitteln bringen Cigarettes After Sex nun großes Kino auf die Bühne: nur mit Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard füllen sie den Raum vollkommen aus. Da ist nur noch Platz für den ein oder andere Rauchkringel in der Luft.

Schade, dass ihre Live- und Youtube-Hits "Keep On Loving You", "Nothing´s Gonna Hurt You Baby" und "Affection" nicht mit auf dem Album sind. Unser Album Der Woche dürfte aber einen sympathischen Nebeneffekt haben: Es wird dem Genre "Slowcore" endlich neue, junge Hörer bringen. Es ist aber auch eine Band, die den Trick drauf hat, die Zeit anhalten zu können: eine Platte wie eine unverhoffte Pause, in der alles in Zeitlupe abläuft.


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