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Album der Woche: Big Thief Big Thief haben das bislang beste Folk-Rock-Album des Jahres gemacht

Eins der besten Folk-Rock-Alben des Jahres: die Brooklyner Band Big Thief hat ihr zweites Album „Capacity“ veröffentlicht. Darauf: Müheloses Songwriting und die zärtlichste Stimme, die man seit langem vom Conor-Oberst-Label Saddle Creek gehört hat.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 20.06.2017

Auf dem Albumcover von „Capacity“ ist ein junger Mann mit einem Baby im Arm zu sehen. Auf den ersten Blick könnte man denken, der Typ könnte Big Thief-Sängerin Adrianne Lenker sein, mit ihren aktuell raspelkurzen Haaren und ihrem Tomboy-Look. Tatsächlich ist es ein altes Foto von Adriannes Onkel, der sie als Baby im Arm hält. Es ist schon das zweite Mal, dass sie ein Familienmitglied aufs Cover packt: auf dem Vorgänger-Album war es ihre Mutter. Und das passt gut: Die Songs könnten persönlicher nicht sein.

Melancholisch-autobiographische Songs

In „Mythological Beauty“ erzählt Adrianne Lenker, wie ihre Mutter mit 17 zum ersten Mal schwanger wird und ihren Sohn zur Adoption frei gibt – ihren älteren Bruder lernt Adrianne nie kennen. Dann wechselt die Perspektive: aus der Sicht der Mutter beschreibt sie, wie sie selbst, die kleine Adrianne als 5-Jährige fast gestorben wäre. Ein Stück Eisen war ihr auf den Kopf gefallen und hatte ein Loch in ihre Schädeldecke gebohrt. Düstere Themen, tröstlich dahin gehaucht.

Adrianne Lenkers Songs sind alle irgendwie autobiographisch, – mit ihren 25 Jahren hat sie verdammt viel Stoff zum Verarbeiten gesammelt: bis sie vier war, hat sie mit ihren Eltern in einer Sekte gelebt, mit 8 hatte sie mehr als ein Dutzend Umzüge quer durch den Mittleren Westen der USA hinter sich. Dann wollte ihr Vater – selbst ein Musiker – aus ihr einen Kinder-Pop-Star machen. Mit 16 konnte sie sich von ihm lösen, sie zog nach New York und gründete ihre Band Big Thief.

Lenker ist gelassener geworden

Das vor einem Jahr erschienene Debütalbum von Big Thief war teilweise noch ziemlich roh, impulsiv und voller verzerrter Gitarrenriffs. Das neue Album „Capacity“ klingt nun deutlich bedachter und introvertierter. Die Gefühle und der Schmerz, die auf dem ersten Album einfach nur raus mussten, haben sich gesetzt. Adrianne Lenker ist gelassener geworden. Sich selbst zu akzeptieren - keine leichte Aufgabe für sie. Aber sie versucht es einfach immer weiter. Vielleicht findet sie irgendwann ihren Frieden. Eine Erkenntnis hat sie gewonnen und die ist zu ihrem Mantra geworden: In jedem Menschen steckt eine Frau. Und das bedeutet in keiner Weise Schwäche, darin liegt Stärke.

Gerade der Song „Pretty Things“ erinnert sowohl musikalisch als auch textlich an Laura Marling, die zuletzt ein ganzes Album lang ergründet hat, was es heißt, eine Frau zu sein. Aber während Laura Marling mit 27 vor allem unverschämt weise klingt, hat Adrianne Lenker von Big Thief nichts Abgeklärtes in der Stimme, sondern eine unfassbare Zärtlichkeit, der man sich schwer entziehen kann. Zusammen mit ihrem scheinbar mühelosen, großartigen Songwriting macht das aus  „Capacity“ eines der besten Folk-Rock Alben des Jahres.


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