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Album der Woche: Aimee Mann Warum ist Aimee Mann kein Superstar?

Warum ist Aimee Mann kein Superstar? An ihrem Talent kann’s nicht liegen. Die 56-jährige hat gerade ihre beste Platte seit "Magnolia" aufgenommen. Die US-Kritiker sind begeistert. Trotzdem wird’s mit dem ganz großen Fame nichts werden: Aimee Mann ist ein bisschen zu schlau für den Mainstream.

Von: Roderich Fabian

Stand: 03.04.2017

Als Aimee Mann ihr Album „Mental Illness“ genannt hatte, wusste sie noch nicht, dass Donald Trump Präsident werden würde. Umso besser passt der Albumtitel nun. Und die Songs hier handeln nicht unbedingt von politischen Irren, sondern eher von verwirrten Menschen, bei denen irgendwie etwas schief gelaufen ist und die nun damit zurechtkommen müssen – das war schon immer so bei den Songs von Aimee Mann. Aber einmal – in „Lies of Summer“ – wird’s ganz konkret. Da erinnert sie sich an einen Bekannten, der unter bipolarer Störung litt und ein notorischer Lügner war.

Musikalisch erinnert „Mental Illness“ mitunter sehr an die Songs aus dem „Magnolia“-Soundtrack. Aimee Mann ist erklärter Fan des amerikanischen Soft Rock aus den 70ern, ist mit Croby & Nash, America oder Bread aufgewachsen, die ja alle eine sanfte Melancholie verströmten – irgendwie auch ein Ausdruck für das Scheitern der revolutionären Träume der Sechziger. Aber Aimee Mann geht es nur um den Sound, und in „Stuck in the Past“ beklagt sie eher das Verpassen persönlicher Chancen. Das kennt wohl jeder.

"Ich hänge in der Vergangenheit, wo ich die Bremse gezogen habe. Es ging alles so schnell und jetzt gilt es für immer…"

Aimee Mann in Stuck in the past

Der Track "Stuck in the past" ist ein ein Walzer, sparsam arrangiert, wie alle Songs auf dem Album. Akustikgitarren, Piano, dezente Chöre – wenn die Songs hier überhaupt auf jemand anderes verweisen, dann auf Dolly Parton, die größte Songwriterin Nashvilles. Und irgendwie will Aimee Mann ihren Kritikern auch sagen: Bitte sehr, ihr bekommt genau die Musik, die ihr von mir erwartet: Folk und Alternative Country, unbeeindruckt von der Autotune- und Hipster-Moderne. Sarkasmus war schon immer eine ihrer Stärken. In „Patient Zero“ geht es um einen Schauspieler, der sich in Hollywood so lange etwas vormacht, bis er eben die entscheidende Rolle doch nicht kriegt – der Amerikanische Traum gone bad.

Aimee Mann kennt sich aus mit den Hollywood-Illusionen. Sie ist mit dem Sänger Michael Penn verheiratet, dem Bruder von Sean Penn. Deren Karrieren, aber auch ihre eigene, reflektiert sie immer wieder auf „Mental Illness“ – und diese Krankmeldungen sind manchmal ziemlich schonungslos. Das ganze Album wirkt wie ein Resumée nach mehr als 30 Jahren im US-amerikanischen Entertainment-Zirkus. Von der alten Tante New York Times bis zum Musik-Blog pitchfork überschlagen sich alle vor Begeisterung. Mit ihrer Zauberstimme und diesen himmlischen, zeitlosen Melodien hat Aimee Mann ein Album hinbekommen, dass sie wohl kaum noch einmal überbieten kann. Und das macht einen fast schon wieder melancholisch.


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