Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: The Prettiots Niemand hat die Absicht, süß zu sein

The Prettiots vereinen den naiven Charme eines Adam Green mit der Verspieltheit eines Jonathan Richman. Die beiden Damen aus New York stellen ihr Debütalbum vor, das gleich unser Album der Woche geworden ist.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 08.02.2016

“Funs Cool” heißt das Debütalbum der beiden zwei Twens aus New York und das ist so etwas wie das Mantra der Band. Nach dem Motto: Spaß haben ist cool, aber extra cool sein wollen ist alles andere als Spaß. Schöne Logik, aber da muss man sich erstmal reinfinden, wie überhaupt in die ganze Platte. Mit Twists wie von Kate Nash und einer Weirdness, die auch den Moldy Peaches zu Ehre gereicht hätte, zimmern sich The Prettiots ihre Welt zurecht.

"Funs Cool", das Debutalbum von den Prettiots

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der alte Hassprediger Klaus Kinski mal romantisch angeschmachtet werden würde – „normalerweise bin ich nicht so psycho“ singen die Prettiots, „aber du machst aus mir einen Fitzcarraldo“. Und dazu dieser Sound, der sich an die 60er und 70er heranschiebt: Handclaps, simple zweistimmig gesungene Refrains. Und nicht zu vergessen: Die friedlich vor sich hin klingende Ukulele. Feelgood Pop. Aber die Harmlosigkeit täuscht. Zu den catchy Melodien singen die beiden Frauen von Depressionen und Affären mit loser-haften Lovern, die erst auf cool und nett machen, dann aber bodenlose Enttäuschungen sind: sie können mit ihrer Freundin nicht Schluss machen, weil die einfach so gut bläst. Das erinnert an die Weltsicht des kauzigen Adam Green – und gleichzeitig an die konstant verliebte Girl Group Shangri-Las.

Kay Kasparhauser und Lulu Prat von den Prettiots sind in der Popwelt etwas ziemlich Besonderes: Sie sind ganz normal. Während Madonna und Beyoncé sich das Wort „bitch“ zurückerobert haben, machen The Prettiots etwas viel Elementareres: Sie reclaimen das Wort „süß“. „Süß“ muss nicht harmlos sein oder dümmlich und schüchtern. Nicht grade unwichtig, wenn man bedenkt, wie oft und wie früh Mädchen gesagt bekommen, sie seien „niedlich“ - oder eben „süß“. Die Prettiots halten daran fest, dass in dieser zynischen Welt süß sein ein Wert an sich sein kann, eben weil sie schon ganz andere Erfahrungen gemacht haben. Im Song „Dream Boy“ legen sie ihre Erwartungshaltung auf den Tisch. Mach doch alles sofort richtig, gleich beim ersten Mal:

"Wir haben nicht Hunderte von Instrumenten auf der Bühne. Wir sind keine große Pop-Band, aber gleichzeitig singen wir über Jungs! Diejenigen, die Popmusik mögen, finden nicht immer unsere Musik gut. Und wer die Musik mag, versteht nicht unbedingt die Texte."

The Prettiots, Kay und Lulu

The Prettiots haben etwas herausgefunden, was die meisten von uns erst noch verstehen müssen: Wir leben in einer Welt voller kultureller Zeichen. Aber viele davon haben ihre Bedeutung verloren. Man kann die Zeichen in eine Lostrommel schmeißen und neu zusammenwürfeln lassen. Besonders schön kann man das am Merchandising der Band ablesen: The Prettiots bieten ein Pin-Up Girl als Abzieh-Tattoo an. Retro, wie in den 60ern. Aber auf dem Banner steht kein Frauenname oder in großen Lettern „Mutti“, sondern: „Free Wifi“.

Indiepop mit Abgründen: The Prettiots

“Funs Cool”, das Debütalbum der Prettiots, ist das Tagebuch von zwei semi-erwachsenen jungen Frauen. Sie geben sich noch Mühe, wie junge Mädchen alles aufzuschreiben, weil doch wirklich alles eine Bedeutung hat. Aber die Schrift ist schluderig, Flecken auf den Buchseiten könnten von Blut oder Wein stammen. Ja, das Herz ist gebrochen, aber auch das sollte man nicht zu ernst nehmen. Und das zeigt der allerletzte Track auf dem Album: Ten Ten. Hier sprechen Lulu und Kay einfach aus, was sie so denken, was sie witzig finden – und damit wird klar: The Prettiots legen keinen Wert darauf, uns die Welt zu erklären. Sie haben uns nur kurz in ihre blicken lassen.


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