Kendrick Lamar "good kid, m.A.A.d city"
Der neue HipHop-Star Kendrick Lamar kommt aus Compton, LA, der Heimat von NWA oder Ice Cube. Ein Gangster ist er deswegen noch lange nicht. Seine musikalische Autobiografie, unser Album der Woche, heißt "Good kid, m.A.A.d. City.
Wenn ein neuer HipHop-Star aus Compton, LA, kommt, dann erwartet man erst mal NWA, Ice Cube und die ganz große Gangster-Sause. Kendrick Lamar enttäuscht solche Erwartungen. Und das ist gut so. Der 25-jährige Rapper erzählt in dichten autobiographischen Versen von einer Jugend in Compton, die nicht wirklich in das Raster der gängigen Outlaw-Posen passt. „good kid, m.A.A.d city“ buchstabiert sich sein Major Debut. Das könnte auch die Inhaltsangabe von Kendrick Lamars komplexem Storytelling sein. Geschichten, in denen ein junger Mann inmitten einer rauen, Gang-geplagten Umwelt mit seiner Unschuld und seinen guten Vorsätzen ringt.
"Ich habe als Jugendlicher in Compton sowohl ganz schlechte als auch die besten Erfahrungen meines Lebens gemacht. Die schlechtesten: Das war mit den Homies auf der Straße abzuhängen und Mist zu bauen. Die besten: Das war die Sicherheit, die mir meine Familie gab. In meiner Musik versuche ich beide Welten abzubilden, und mich nicht nur am Negativen aufzuhängen."
Kendrick Lamar
Der große innere Monolog
Lamars Lyrics folgen nicht dem üblichen Ghetto-Skript. Schließlich hatte er das Privileg, mit Vater und Mutter aufzuwachsen. Er bekam in seiner Familie genug Rückhalt, um sich keiner Gang anschließen zu müssen. Das ist in Compton eher die Ausnahme. Entsprechend unkonventionell tönen seine Raps. Das Album eröffnet mit einem Tischgebet. Und dann sind da immer wiederkehrende Referenzen auf seine Familie, unterbrechen besorgte Anrufe der Mutter die Tiraden des jungen Rappers. Alles dreht sich um einen großen inneren Monolog. Kendrick Lamars Themen: Verzweifelte Ruhmsucht, Einsamkeit, Alkoholmissbrauch und Gruppenzwang. „Martin had a dream“, rappt Lamar – und konterkariert Martin Luther Kings Traum mit der Schäbigkeit der eigenen Bitches- und Dollars-Fantasien.
"Ich habe es satt, wenn es über meine Generation immer heißt, wir wären schlecht erzogen. Angeblich sind wir ignorant, aufmüpfig, würden auf niemanden hören. Auch wenn ein Körnchen Wahrheit dabei ist: Wir sind nicht so geboren, sondern dazu gemacht worden. Deshalb mache ich meine Musik: Um den Älteren zu erklären, wie wir wirklich ticken"
Kendrick Lamar
Unter den Fittichen von Dr. Dre
Der Rummel um Lamars Major Debüt hat nicht nur mit seinem großartigen 2011er Mixtape „Section 80“ zu tun. Sondern auch mit seinem neuen Produzenten: Dr. Dre. Der Veteran hatte angekündigt, nach Snoop Dogg, Eminem, 50 Cent und The Game auch seinen jüngsten Schützling in die Superstar-Liga hieven zu wollen. Nur dass Dr. Dres Produktionen in letzter Zeit immer uninspirierter klangen – und wer kennt nicht all die Geschichten der Indie-Rapper, die mit dem Wechsel zu einem Major ihren lyrischen und musikalischen Biss verlieren? Doch solche Befürchtungen erweisen sich als grundlos.
Dr. Dre erlaubt Lamar das zu tun, was er am besten kann: Fast beiläufig zu erzählen, Wortspiele um zwölf Ecken auszuhecken und mit einem Wahnsinns-Flow abzuliefern. Die Beats auf „Good kid, m.A.A.d city“ kommen trocken und federnd, beschränken sich auf das Nötigste. Nein, dieser Rapper braucht weder Gimmicks noch große Gästeliste. 15 Jahre nach Nas Klassiker „Illmatic“ hat HipHop einen neuen großen Geschichtenerzähler: Er heißt Kendrick Lamar.

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