Bayern 2 - Zündfunk


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Black Pride und Soul aus Chicago Bei Jamila Woods klingt Protest federleicht

Kunstvoll und klug zwischen Black Power, Soul und Hip Hop: Hier bewegt sich Jamila Woods. Ihre Stimme haben wir zuletzt öfter gehört: bei Macklemore & Ryan Lewis oder auf Tracks ihres Chicagoer Kumpels Chance the Rapper. Ihr Soundcloud-Mixtape "HEAVN" war letztes Jahr unser Album der Woche. Jetzt wird "HEAVN" nochmal richtig als Album bei Jagjaguwar veröffentlicht.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 13.09.2017

Für uns kommt Jamila Woods aus dem Nichts – aber sie ist schon länger eine der wichtigen Stimmen Chicagos. Sie arbeitet hauptberuflich bei einer Non Profit-Jugendorganisation namens YCA, Young Chicago Authors. Auch „Chicagos finest“ Chance the Rapper hat damals bei den Open Mic Nights der Young Chicago Authors angefangen – heute zählt er neben Kendrick Lamar zu den wichtigsten Rappern der USA. Wie er bringt Jamila Jugendlichen bei, Gedichte zu schreiben und sich künstlerisch auszudrücken.

Jamila Woods will die Teenager ermutigen, ihre eigene Stimme zu finden, ihre eigene Geschichte zu erzählen – vor allem Kids aus der Black Community müssen immer noch gegen das Narrativ des kriminellen Schwarzen kämpfen, gerade in einer Stadt wie Chicago, eine der tödlichsten Städte der USA . Die Jugendlichen, die heute bei Jamila Woods lernen, könnten keine bessere Lehrerin haben.

„If I say that I can't breathe, will I become a chalk line?“

„Wenn ich sage, ich kriege keine Luft, werde ich dann zu einem dieser Kreideumrisse auf dem Boden?“ Diese Zeile aus „VRY BLK“ zieht einen mitten rein in das Thema von „HEAVN“, dem Solo-Debüt von Jamila Woods. Sie ist eine direkte Referenz an Eric Garner, den Afro-Amerikaner, der vor zwei Jahren im Würgegriff eines Polizisten erstickte. Jamila Woods hat den Song aufgebaut wie einen Kinderreim, er kommt so federleicht und harmlos daher, dass einen die Bedeutung der Worte mit doppelter Wucht erwischt.

Das Album wirkt in weiten Teilen wie der Soundtrack zur „Black Lives Matter“-Bewegung. Dabei klingen ihre Protestsongs überhaupt nicht wütend, sondern hoffnungsvoll, geradezu süß – egal wie bitter die Botschaft ist. Jamila Woods hat gar nicht mal eine besonders starke Stimme, man könnte sie fast dünn nennen – aber es sind ihre Worte, die ihre Stimme außergewöhnlich machen.

Sich selbst lieben als politischer Akt

Albumcover "HEAVN"

Black Pride - sich selbst lieben als politischer Akt. Für Jamila Woods eine zentrale Botschaft auf ihrem Album „HEAVN“, das sie mit Unterstützung einiger junger, aufstrebender Produzenten aus dem Dunstkreis von Chance the Rapper aufgenommen hat. Jamila bewegt sich dabei fließend zwischen Hip Hop, R’n’B, Soul und Pop, am Ende vieler Songs sind aufgezeichnete Telefonanrufe zu hören. Sie halten als Spoken Word-Teile das Album zusammen und machen es zu einem fast sozialwissenschaftlichen Kunstwerk. Gleichzeitig ist das Album voller popkultureller Zitate. Der Titelsong „HEAVN“ etwa beginnt mit The Cure’s „Just like heaven“ – über einem Beat von The Roots.

Jamila Woods Album „HEAVN“ ist das Werk einer klugen Dichterin. Und am Ende auch eine Liebeserklärung an ihre Heimatstadt Chicago. Klar, die Stadt hat ihre Probleme und eine in den USA fast beispiellose Kriminalitätsrate. Aber das ist nur eine Seite der Geschichte – Jamila Woods erzählt auch die andere. Auf dem Albumcover sieht man sie im Lake Michigan baden. Einer der demokratischsten Orte inmitten einer zwischen Schwarzen und Weißen geteilten Stadt. Am See und an den Stränden findet Chicago zusammen. Der Song „LSD“ – kurz für Lake Shore Drive, die Autobahn, die parallel zum Lake Michigan verläuft – ist Jamila Woods und Chance the Rappers gemeinsame Ode an ihre große Liebe Chicago.

"HEAVN" ist jetzt bereits bei Spotify zu hören und wird am 6. Oktober auf CD und LP bei Jagjaguwar erscheinen.


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