Flying Lotus "Until The Quiet Comes"
Er gilt als Visionär, Heilsbringer, als Retter des Hip Hop. Der Brainfeeder-Labelchef und Produzent Steven Ellison alias Flying Lotus lässt auf seinem neuesten Werk und unserem Album der Woche selbst Hip Hop hinter sich.
Von: Jonathan Fischer Stand: 01.10.2012Immer einen Beat neben der Spur. Immer den einen sphärischen Sound voraus. Seit 10 Jahren schon schleicht Flying Lotus links und rechts der HipHop-Highways entlang. Doch noch nie klang der HipHop-Produzent aus Los Angeles so dunkel und mystisch wie auf seinem neuen Album „Until The Quiet Comes“. Und nie klang der John Coltrane-Neffe und J. Dilla-Schüler leiser. Und selten war eine Stille so soghaft und so verführerisch. Schon der Vorgänger „Cosmogramma“ hatte wenig zu tun mit der aggressiven Anmache von Hip Hop-Charthits. Nun aber lässt Flying Lotus die Hip Hop-Orthodoxie endgültig hinter sich.
"Heute haben sich die Beats längst von der Straßenkultur abgekoppelt, es gibt keine Tabus mehr im Sound. An vielen Orten der Welt ändern sich gerade die Spielregeln des HipHop, diese alte puristische Mentalität ist am Aussterben."
Flying Lotus
Eine Seltenheit auf diesem Album: Nicki Randa liefert hier die engelhaften Gesänge. Auch Erykah Badu und Thom Yorke dürfen auf dem neuen Flying Lotus Album ein paar ätherische Vocals beisteuern. Der Rest ist instrumentaler HipHop, doch da nutzt Flying Lotus alle Spielräume gewaltig aus. Die harschen Brüche von einst, sie spielen auf dem neuen Album kaum noch eine Rolle. Stattdessen: Abstrakte, traumartige, im besten Sinne: kosmische Beats. Glockengebimmel erinnert an buddhistische Tempelmusik. Harfen-Melodien schweben ins All. Und alles flirrt wie ein Traum.
Die Dynamik des Unterbewusstseins
Doch von Easy Listening ist Flying Lotus weit entfernt. Gerade wenn die ätherische Schönheit einzulullen droht, fährt ein Basskick oder ein verzerrter Synthesizer dazwischen und grollt bedrohlich aus der Tiefe. Ständig oszielliert das Album zwischen Höhen und Tiefen, bewegt sich vom Dunklen zum Hellen, vom Weichen zum Harten und zurück. Steve Ellison geht es dabei nicht nur um Soundeffekte. Sondern um die Dynamik des menschlichen Unterbewusstseins. Um Schlaf, Träume und mystische Zustände.
"Ich sehe mein Album als eine Traumlandschaft, eine neue Welt. Wie wäre es wenn dieser Traum Wirklichkeit wäre? Dieses Album ist eine Erzählung mit Anfang, Mittelteil und Ende. Ich brauche diese Struktur. Denn vieles meiner Arbeit kommt aus dem Unterbewussten. Wenn ich mit einem Stück anfange, weiß ich nie wie es einmal klingen wird. Seine Entstehung ist immer ein Mysterium."
Flying Lotus
Los Angeles in mind
Natürlich ist dieses Album nichts für Jazz-Hasser. Wir dürfen uns Flying Lotus auf keinen Fall als konventionellen Hip Hopper vorstellen. Täglich meditiert er, bevor er den Computer hochfährt. Um dann den Weg weiter zu gehen, den Pharoah Sanders oder sein Onkel John Coltrane einst beschritten haben: Bewusstseinserweiterung in Musik zu übersetzen. Flying Lotus drittes Album für das Technolabel Warp bezieht sich auf den astralen Jazz der 60er und 70er Jahre und übersetzt ihn in ein revolutionäres, elektronisches Ambiente. Vielleicht mag das Weltall als Metapher zu weit gegriffen sein. Aber Flying Lotus vermag es wie kein Zweiter, Bilder von intensiven, Lichter flirrenden Nächten seiner Heimatstadt Los Angeles zu erzeugen.
"Ich weiß nicht wirklich woran es liegt. Womöglich am warmen Wetter – wir sind hier alle ein bisschen entspannter als etwa in Chicago oder New York. Und wir sind eine Filmstadt. Wir wollen Geschichten erzählen. So geht es mir auch mit meinem neuen Album: Es repräsentiert nicht alle Seiten von mir, ich kann auch sehr agressiven düsteren Drum'n Bass komponieren. Aber es ist die Geschichte, die mir gerade am besten gefällt."
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