Daphni "Jiaolong"
Wer 2010 auf musikalisch stilsicheren Parties unterwegs war, kam an Caribou nicht vorbei: Das Album "Swim" war eine der Platten des Jahres. Jetzt kommt der Kanadier Dan Snaith mit seinem Solo-Debüt um die Ecke. Darauf widmet er sich dem (Afro)-House.
Ende September in Berlin: an zwei Abenden kommen jeweils 20.000 Fans zum OpenAir von Radiohead und Caribou in die Wuhlheide. Schon während des Konzerts von Caribou gibt es erste Gerüchte: später soll noch eine Aftershow-Party in der Innenstadt steigen - im Stadtbad Wedding.
Kurz nach Mitternacht ist es tatsächlich soweit: Dan Snaith, Mr. Caribou, wartet schon am Laptop - und dann kommt tatsächlich ein kleiner Mann mit Zopf und Platten-Tasche. Wenige Minuten später legen die beiden gemeinsam auf: Thom Yorke, Sänger von Radiohead und Dan Snaith, der sein neues Projekt Daphni nennt.
Der Sound im Stadtbad Wedding: Afro-House - genau der Stil, den Daphni auf seinem gerade erscheinenden Debütalbum überraschenderweise einschlägt. Die Meute vor den beiden Djs im ehemaligen Schwimmbecken beginnt erst nur langsam zu tanzen - sie stehen erstmal rum und wollen lieber Handyfotos vom Vinyl-auflegenden Radiohead-Sänger machen.
Der berüchtigte Abend im Stadtbad
Doch bald schon springt der Funke über und es wird so voll, dass man kurz Angst bekommt: Die Angst, Hunderte von Tänzer könnten auf dem Fliesenboden im leicht abfallenden Badebecken nach unten rutschen und Yorke und Snaith erdrücken. Zum Glück passiert nichts.
Mit dem percussiven House-Sound kehrt der Kanadier Dan Snaith fast wieder zu seinen Wurzeln zurück: als Kind drückte ihm ein Schulfreund ein Mixtape in die Hände - mit Früh-90er-Clubsound von The Orb und Plastikman. Später ist Dan Snaith nach London gezogen, um dort die Band Caribou zu gründen. Und schaffte mit dem Album "Swim" eines der besten Alben des Jahres 2010. Auch darauf schon eine Menge elektronischer Einflüsse.
Snaith wohnt in London Tür an Tür mit dem dem Produzenten Four Tet, die beiden schlossen schnell Freundschaft und gingen oft zusammen aus. Meist in den Plastic People Club zu den DJ-Sets von Theo Parrish. Der afroamerikanische House-Hero zeigte, dass es möglich ist, unkonventionelle Clubmusik zu spielen, die trotzdem auf dem Dancefloor funktioniert.
Wo Caribou mit psychedelischer Pop-Electronica im Songformat glänzt, überzeugt Daphni in der Instrumental-Variante: meist fünf bis sechs-minütige Tracks für wagemutige DJs. Der Albumtitel "Jiaolong" ist einerseits Verweis auf sein neues, gleichnamiges Label - es kommt andererseits von einem chinesischen U-Boot, das Tauchrekorde aufgestellt hat. "Jialong" ist also ein Sinnbild fürs Eintauchen, Vertiefen, Unbekannte-Welten-Erforschen.
DER Afro-Track auf dem Daphni-Album ist Track 3: "Ne Noya" von der Gruppe Cos-Ber-Zam - eine alte Nummer, die Dan Snaith auf dem deutschen Label "Analog Africa" entdeckte. Bei seiner Band Caribou setzt Dan Snaith Samples - wenn überhaupt - nur kurz ein. Bei Daphni versucht er mit den Samples "Kollisionen" zu erzeugen, wie er es nennt: also Samples lange zu loopen und sie nur mit einer nackten Acid-Bassline zu unterlegen wie bei seinem Clubhit "Ye Ye". Oder er nimmt ein Soul-Sample von Buddy Miles, das zur ersten Daphni-Maxi namens "Yes, I Know" geführt hat.
Es ist schon interessant, dass ausgerechnet ein schüchterner Anti-Star, eine der cleversten und zwingendsten Tanzplatten des Jahres veröffentlicht. Mit dem Daphni-Debüt wird der Sympath und Doktor der Philosophie vielleicht so manchen zum afro- und soul-beeinflussten House bringen, der bisher mit dieser Art von Funkyness Berührungsängste hatte. Unser Album Der Woche schlägt eine Brücke über die Strasse von Gibraltar, über die man nun leicht von Afrika nach Europa kommt.

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