Chromatics "Kill For Love"
Langsame Beats mit kühlen Frauenstimmen. Mit diesem Soundrezept hat Johnny Jewel alias "Chromatics" schon bekannte Leute auf sich aufmerksam gemacht: Beyoncé hat Samples bei ihm bestellt und Ryan Gosling möchte einen Soundtrack.
Das Jahr 2012 wird als das Jahr in die Pop-Geschichte eingehen, in dem Electro nun endlich auch den amerikanischen Markt geknackt hat. Die Gage großer DJs ist inzwischen sechsstellig und Dance-Festivals locken längst Hunderttausende an. Nennen wir es die "Kalkbrennerisierung" Amerikas.
Auf der einen, der feisten Seite: Die neuen Rave-Großverdiener wie Skrillex, der die Doors für seinen Dubstep sampelt. Oder Afrojack, der von Michael Jackson einen House-Remix machen darf. Auf der anderen, reduzierten Seite covern die Chromatics den Neil Young-Klassiker "Hey Hey My My". "Rock´n´Roll will never die", diese Quasi-Verankerung des Pop in der US-Verfassung, ist bei ihnen zur Electro-Ballade geworden - nicht aus Häme, sondern als Verbeugung. Die elektronischen Künstler von Amerika sehen Techno - im Gegensatz zu den Europäern, weniger als Zäsur, sondern als Weiterentwicklung der Pop-Musik.
Eine der erstaunlichsten neuen Figuren des US-Indie-Electro ist Johnny Jewel. Der Musiker gründete in Portland gleich mehrere, wie er sagt. "Indie-Pop-Bands, die Disco spielen": Glass Candy, Desire, Symmetry und die Chromatics. Nicht nur die Namen klingen nach den billigen 80ern, auch die Synthies fiepen wie damals, nur melancholischer. "Disco Noir" könnte man den Sound von Johnny Jewels Formationen nennen, in Anlehnung an den Film "Drive", den Kinokritiker als "Thriller Noir" bezeichneten. Im Soundtrack tauchen drei Stücke von Johnny Jewels Bands auf, unter anderem die Chromatics.
Beinahe-Soundtrack für "Drive"
"Drive" mit einem ultracoolen Ryan Gosling als zahnstocher-kauenden Verbrechens-Fahrer hätte 2011 der große Durchbruch für Johnny Jewel werden können. Ursprünglich hatte Regisseur Nicolas Winding Refn den ganzen Soundtrack bei Jewels Bands bestellt, doch dann machte ihm Hollywood kurzfristig einen Strich durch die Rechnung und kaufte einen Ex-Red Hot Chilli Peppers-Musiker für den Score ein. Johnny Jewel bot daraufhin seinen "Drive"-Soundtrack als kostenlosen Download an.
Der mittlerweile in Montreal, Kanada lebende Amerikaner hat nun das vierte Album seiner Band Chromatics veröffentlicht. "Kill For Love" heißt das Werk, das nicht nur wegen seiner Überlänge von 91 Minuten auffällt, die auf eine CD gepresst sind.
Trotz der Kontakte, trotz der Sample-Anfragen von Beyoncé und Rapper Kid Cudi, bleibt Jewel DIY. Er hat die Platte, wie die anderen Alben seiner anderen Bands, auf Italians Do It Better veröffentlicht. Das Label beitreibt ein Freund von ihm. Und der kommt kaum mit dem Ausliefern nach.
Mischung aus "Disco Noir" und "Soundtrack-Pop"
Als die Chromatics vor knapp zehn Jahren Disco-Sound entschleunigten und mit New Wave verdunkelten, hatten sie Angst, daß man sie dafür steinigt. Heute, so Johnny Jewel, klingen viele Bands so - wie eine Mischung aus Joy Division und Mr Fingers. Deshalb sind die Chromatics wieder zu Songs zurückkehrt. Weniger Beats, mehr Gesang, keinen Computer mehr auf der Bühne. Als Inspiration dienten diesmal Jacques Brel, Bob Dylan und - viel in der Badewanne liegen. Unser Album der Woche ist eine Mischung aus "Disco Noir" und "Soundtrack-Pop". Je länger die CD läuft, desto mehr wird sie zur Filmmusik, die es bei "Drive" nicht sein sollte. Ryan Gosling, der nun seinen ersten eigenen Film drehen will, hat seinen Soundtrack schon bestellt - bei Johnny Jewel und den Chromatics.

Wetter

